TRANSHUMANER TRÄUMER

HOUELLEBECQ Houellebecq in der Grotte
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Während die Welt darüber rätselt, ob Michel Houellebecq ein vom Altersstarrsinn verblendeter Reaktionär oder ein im Ennui ertrinkender Antimodernist ist, sitzt der Autor in der Grotte und träumt. Seine Gliedmaßen haben sich verdoppelt und den leidigen Gender-Debatten entkommt er durch die Verwandlung in einen Hermaphroditen.

Eine Welt ohne Flöhe, Raubvögel, Arbeit und Geld! Keine Pornos, kein Gottesglaube! Draußen das Meer, sanft plätschernde Wellen und ein Sonnenstrahl, der die blaue Blume im feuchten Refugium erleuchten lässt. In den Sand geschrieben ein Satz: „Ich suche eine Welt, in der die Menschen leben.“[1]

Der Diagnose soll die Heilung folgen

Houellebecq wartet, überlebt, bis die Intellektuellen ein neues Denken hervorbringen, das aus dem Überleben ein Leben macht. Er hat als Schriftsteller genug getan: den Zustand der Welt analysiert, Prophezeiungen ausgesprochen und mit progressiver Leidenschaft die Welt vor der Zementierung von Missständen bewahrt. Der Diagnose soll die Heilung folgen. Für Forschung & Entwicklung sieht er sich nicht zuständig, delegiert sie zurecht an die Berufsintellektuellen. Die jedoch täten gut daran, erst einmal allen Ballast abzuwerfen, ideologische Hemmschuhe abzustreifen und frank und frei den Entwurf einer neuen Welt zu wagen. Damit das Ganze nicht in eine lebensferne Utopie beziehungsweise lebensvernichtende Dystopie entartet, gibt der Autor Orientierungshilfe.

Unstillbare Sehnsucht nach Liebe

An erster Stelle in dieser schönen neuen Welt steht – manchen mag’s noch immer erstaunen – die Liebe: „Ich glaube an die Liebe. Sie ist das Einzige, was wir haben.“[2] Houellebecq war schon immer ein Romantiker, der zwischen den Blumen des Bösen und Novalis’ Gemütserregungskunst oszillierte. Trotz Tristesse und Übersättigung wird der Dichter getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht nach Liebe. Losgelöst von Konsum-Ficks und Schwanzlutsch-Evaluierungen seiner Protagonisten malt sich Houellebecq ein Bild der Liebe. Dass dieses nicht für jeden einen Reiz darstellt, liegt in der Natur der Sache. Wann gibt’s schon amouröse Deckungsgleichheit? Des Dichters Vorstellung ist jedenfalls so simpel wie klar: Liebes-Behaviourismus gepaart mit Wiederholungsmechanik, d.h. die Unbedingtheit hündischer Zuneigung als perpetuum mobile. Liebe als Houellebecqsche Idee ohne jeglichen sinistren Zweifel besitzt die einlullende Vertrautheit einer Gebrauchsanweisung für perfekte Maschinen, die der kleine Michel schon als Bub ins Herz geschlossen hatte. An der Verführungskraft dieser Liebesidee mag man zweifeln. Immerhin existiert sie und Iggy Pop hat ihr als ultimative Sakralisierung bereits einen Song gewidmet: „Love is simple to define/But it seldom happens in the series of beings/Through these dogs we pay homage to love/And to its possibility“

Transhumanistischer Désenchanteur

Die Utopie der Liebe in einer World without Love ist ein schwieriges Unterfangen. Wie kann man Sehnsucht nach Ewigkeit und Liebe verbinden mit einem Gemeinwesen, in dem weder „Survival of the Fittest“ noch „Law and Order“ gelten? Der Pfeiler, auf dem sich die neue Welt begründet, ist der Transhumanismus. Houellebecq ist der Überzeugung, dass die Menschheit nicht überdauern wird, da sie zu viel Tragödie in sich trägt (Interview mit i24 v. 1.7.2016). Sie wird abgelöst werden durch etwas Anderes. Das sei der natürliche Lauf der Dinge, denn der Transhumanismus sei bereits im Werden begriffen. Für Houellebecq besteht das Überschreiten des Menschlichen jedoch nicht einfach in einem Machine-Man, der durch Implantate sich selbst optimiert, sondern in einer Transgression des Menschseins durch chemische und genetische Manipulation. Houellebecq sucht die Überwindung des Menschlichen bei gleichzeitiger Menschlichkeit. In seinen Ausstellungen auf der Manifesta und im Palais de Tokyo gewährt er einen Einblick in die desillusionierte Welt des transhumanistischen Désenchanteurs und in die romantischen Halluzinationen des Michel H. Er durchleuchtet in seinen Röntgenaufnahmen den menschlichen Konstruktionsplan, belegt das Noch-Funktionieren, ohne jedoch das Beseeltsein beweisen zu können.

Ansatzpunkte für Utopien

Vielmehr sucht er nach Gehirn-Computer-Schnittstellen, nach genetischen Schwachpunkten, die den Forschern als Ansatzpunkte für Utopien und deren Implementierung dienen können. Im Palais de Tokyo springt der Hund Clément über saftiggrüne irische Butterwiesen und Michel sitzt mit Kind und Kegel in seiner fiktiven Home-Sweet-Home-Grotte. Die Seele im Radiogramm ist nicht detektierbar und die bei Tocqueville noch verbliebene Familienidylle im kalten Kapitalismus illusorisch. Der einzig gangbare Weg ist der Transhumanismus. Während die Transgression im Pop mit den gesampelten Stimmen und Hologrammen der Toten bereits gang und gäbe ist, erweist sich die Literatur als zaghafte Wegbereiterin einer neuen Ära. Houellebecq ist die Ausnahme, ein extraordinärer Seismograph physischer und mentaler Veränderungen. Für Houellebecq handelt es sich nicht um Kapitulation, sondern um einen Lebenszyklus, den er wertfrei betrachtet. Akzeptiert man den Prozess, besteht sogar eine Aussicht auf Glück, auf Liebe. Michel in der Grotte quälen keine -ismen. „Der Prozess der Vereinzelung ist abgeschlossen.“ Und beendet zugleich. Der Transhumane penetriert und wird penetriert. Zur vollständigen Befreiung und Verstärkung der Sensorien werden chemische Substanzen eingesetzt, sodass der Vie en rose nun wirklich nichts mehr im Wege steht.

Was kommt danach?

Die Überwindung des Menschlichen und seiner Tragödien muss allerdings ein Übergangsstadium in Kauf nehmen, in dem sich spirituelle Mächte einen Endzeitkampf liefern. Die fortschreitende Durchdringung des öffentlichen Raumes durch den Islam erfordert eine neutralisierende geistig-religiöse Kraft. Houellebecq, der Prophet, sieht seine Prophetie nur langsam sich verwirklichen und fühlt sich zugleich selbst widerlegt durch die Tatsache, dass nicht der gemäßigte, sondern der radikale Islam an Terrain gewinnt. Hoffnung besteht lediglich darin, dass die Revolution stets ihre Kinder frisst, der IS sich demnach selbst vernichten wird. Wenn sich der IS aber selbst vernichtet, vergeht, nach einem natürlichen Gesetz verendet, was kommt danach? Folgt ihm dann der gemäßigte Islam, dessen intrinsisches Merkmal Unterwerfung, dessen Maß Religiosität im öffentlichen Raum ist, ein Islam, der dem Laizismus die Daseinsberichtigung abspricht?

Mit seinem transhumanistischen Traum

Die Frage nach reaktionärem Gebaren verliert ihre Bedeutsamkeit, wenn man das Vordringen des Islam nur als eine Transitionsphase begreift. Die Schwierigkeit einer historischen Veränderung zu begegnen und gleichzeitig ohne Religion leben zu wollen, kontert Houellebecq mit seinem transhumanistischen Traum. Dass die den Gottesglauben entbehrende Moderne zwangsläufig in den Totalitarismus zurückverfallen müsste, wird bestritten. Am Horizont dräut nun ein neues Zeitalter, in dem Technikfeindlichkeit genauso obsolet ist wie despotische Religionen. Ob Cyborg-und Technik-Enhancement den Weg zur blauen Blume weisen, weiß jedoch nicht einmal der Dichter in der Grotte.

„Der magische Ort des Absoluten und der Transzendenz Wo das Wort ein Gesang ist, das Gehen ein Tanz, den gibt es nicht auf Erden.

Aber wir gehen ihm entgegen.”[3]

[1] M. Houellebecq: Renaissance, 1999: „Je cherche un monde où vivent les gens.“

[2] M. Houellebecq: Ich habe einen Traum in DIE ZEIT v. 2.11.2000

[3] M. Houellebecq: Gesammelte Gedichte, eBook 2016

17:25 24.09.2017
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Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt, schwächt, hindert?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se!!" Arno Schmidt
Ute Cohen

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