Zerschmettert

Literatur Kersten Knipp untersucht, wie Frankreich sich nach 1940 verführen ließ

Als Erwin Blumenfeld, ein Fotograf deutsch-jüdischer Herkunft, ins französische Internierungslager „Le Vernet“ deportiert wurde, traute er seinen Augen nicht. „Ich hielt mich für das Opfer einer Massenhalluzination: Weder Frankreich noch ich könnten je so tief sinken“, schreibt er in seinen Memoiren. Blumenfelds Einbildungsroman ist ein eindrückliches Zeitzeugnis über die Macht der Manipulation und die Zerrüttung eines Landes. Wie konnte es passieren, dass das Land der Menschenrechte so leichtsinnig und geschmeidig sich selbst verriet?

Der Romanist und Journalist Kersten Knipp spürt diesem Wandlungsprozess dort nach, wo er am meisten schmerzt: Im täglichen Leben. In seinem Buch Paris unterm Hakenkreuz. Alltag im Ausnahmezustand zeichnet er den Prozess der Manipulation einer Bevölkerung nach mit der gebotenen kritischen Distanz und dem eleganten Stil des Frankophilen.

Aufziehende Düsternis

In einem klassischen Dramenaufbau beschreibt Knipp Frankreichs Fall und Wiederauferstehung von der „Aufziehende(n) Düsternis“ bis zum „Französischen und europäischen Neuanfang“. Diese fast schon pathetisch anmutende Gliederung erweist sich jedoch als treffend, da „Paris unterm Hakenkreuz“ ein Lehrstück über die tragische Wirkungsmacht symbolischer Gewalt ist. Hitler selbst bezeichnete Paris als „Kunstmetropole“, nicht als Hauptstadt Frankreichs. Konsequenterweise bespielte er die Stadt als Kulisse seiner Untaten. Mit nationalsozialistischer Propaganda wurden die Franzosen massiv im Juni 1940 konfrontiert. Am 14. Juni marschierte die Wehrmacht über die Porte de Clignancourt nach Paris ein. Die Truppen des Generalfeldmarschalls von Bock defilierten über die Champs-Élysées. Hakenkreuzflaggen wurden an den zentralen Plätzen und Gebäuden gehisst. Am 22. Juni 1940 wurde in Compiègne der Waffenstillstandsvertrag der französischen Regierung mit Deutschland unterzeichnet. Hitler nahm in genau dem Eisenbahnwaggon Platz, in dem 22 Jahre zuvor Maréchal Foch gesessen und den Waffenstillstandsvertrag von 1918 unterzeichnet hatte. Diesem „Akt der geschichtlichen Gerechtigkeit“, dem Symbol der „Zerschmetterung Frankreichs“, sollten weitere folgen. Am 23. Juni landete Hitler am Flughafen Le Bourget, stieg in sein Mercedes Cabriolet, inszenierte sich. Vor dem Eiffelturm posierte er, am längsten verweilte er jedoch an der Opéra Garnier. „Ästhetische Ergriffenheit“ und „historische Ehrfurcht“ konstatiert Knipp, nicht militärischen Popanz und teutonische Barschheit. „Les jeux sont faits“ – das Spiel der Symbole hatte begonnen.

Die Mitspieler verteilten sich in allen Bereichen der französischen Gesellschaft. Wenn Sartre und de Beauvoir „unter dem blauen Himmel“ von Martigues davon träumten, ob es besser wäre, „blind von der Front zurückzukehren oder mit einem entstellten Gesicht“, wirkt das zynisch angesichts der furchtbaren Kriegsgräuel, die noch kommen sollten. Die Leichtfertigkeit der Intellektuellen mündete schließlich in halbherzige Konsequenz. Sartre war bei Weitem nicht der heroische Widerstandsführer, als der er lange unwidersprochen präsentiert wurde. Ein intrinsisches Merkmal der „condition humaine“, sich selbst zu erhöhen! Menschlich und altbekannt wirkt auch die nachlassende Disziplin in Ausnahmezeiten. Die ungeliebten Gasmasken wurden schnell wieder abgelegt oder zu einem kuriosen Accessoire in Form von Handtaschen umfunktioniert: „Wo Gefahr war, sollte wieder Schönheit walten, der ästhetische Sinn ließ den Sinn für die mögliche Gefahr in die zweite Reihe treten“, so der Autor. Die massenpsychologischen Mechanismen, die in dieser Zeit ausgelöst wurden, äußerten sich in Deutschland in Erregungswellen, in Frankreich aber in einer Melange aus Abscheu und duckmäuserischem Paktieren. Im Leviathan gingen beide Länder auf, jedes auf seine Weise schmählich.

Das Verschwinden des Sujets und der Autonomie war jedoch keine Zwangsläufigkeit. Handlungsmöglichkeiten lassen sich erkennen, sofern man Fakten ins Visier nimmt und nicht dem „train-train quotidien“, einem Alltagstrott, verfällt. Fakt war, dass Frankreichs Generäle ihre strategischen Schwächen verdeckten und eigene Chancen nicht erkannten. So verfügte die französische Armee vor Kriegsbeginn über mehr Panzer als die Wehrmacht. Auch hätte es wohl eine alternative Strategie zur simplen Abwendung des Blickes gegeben.

Antisemitismus einte

Das Land „sans regard“ hätte sich zu mehr Chuzpe durchringen können, wäre es nicht verblendet gewesen im alle einenden Antisemitismus. Der lähmende Defätismus kulminierte im Vichy-Regime, den „statuts des Juifs“ der Regierung Pétain und den Exzessen einer terroristischen Miliz. Auch hier ein symbolisches Universum, das sich in Wort und Ton ausdehnte. Hymnisch besang die Miliz den Hass auf Freimaurer, Juden und Bolschewiken: „Angewidert kotzt Frankreich euch aus.“

Knipp ist konsequent darauf bedacht, nicht die Balance zu verlieren, nicht der Versuchung zu erliegen, Frankreich eine Schuld aufzubürden, um die deutsche zu erleichtern, oder gar Frankreich als ohnmächtiges Opfer zu präsentieren. Diese Ausgewogenheit mag Pointierung missen lassen, erfordert manchmal auch den langen Atem des historisch Passionierten, ist jedoch eine wohltuende Option zu einer Historiografie, die Quellenarbeit politisch grundiert. „Die Hölle ist ein Staatswesen wie jedes andere“, meinte Blumenfeld. Sie ist aber auch, wie Sartre zu Recht sagte, „die anderen“. Auszubrechen aus dem „Huis clos“, aus der „Geschlossenen Gesellschaft“, ist unsere einzige Chance, nicht selbst einer höllischen Verwandlung anheimzufallen.

Info

Paris unterm Hakenkreuz. Alltag im Ausnahmezustand Kersten Knipp wbg Theiss 2020, 472 S., 28 €

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06:00 18.07.2020
Geschrieben von

Ute Cohen

"Intelligenz lähmt,schwächt,hindert?:Ihr werd't Euch wundern!:Scharf wie'n Terrier macht se!!"Arno Schmidt
Ute Cohen

Ausgabe 32/2020

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