"Am Röhrgraben" (102)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Die[U1] Tante Eva quarzte, um damit eine mengenmäßige Unterscheidung zu meiner Mutter anzudeuten, und um zu meinem Aufenthalt bei Tante Eva in Berlin-Reinickendorf im August des Jahres 1961 zurück zu kommen.

An jenem Abend also, in der Reinickendorfer Küche, sagte Tante Eva plötzlich in die lachende Runde ganz beiläufig, ab nächsten Morgen sollen ihr Sohn Detlef und ich für drei Tage Zeitungen austragen und bei denjenigen Kunden die Abogebühr kassieren, die sie uns namentlich benennt. Detlef wäre bereits in dieser Angelegenheit erprobt und ich als Oberschüler würde damit auch keine Schwierigkeiten haben. Hauptsache ich sei freundlich und würde das Geld richtig zählen können und sagen, ich mache die Arbeit für Frau Arndt. Ich nahm die eigenwillige Aufforderung hin und noch bevor ich den ausgebufften Dreh der Tante Eva verstand, fühlte ich ein wenig frohlockend die Freude in mir, mit dem Austragen der Zeitungen einen flüssigen Übergang von der Nacht in den Tag zu erhalten und so das Fehlen meiner Zahnbürste im Kulturbeutel vor Tante Eva weiter verbergen zu können.

Waren die Dinge wirklich so gewesen? Möglicherweise war dieses oder jenes anders, und mein Bild von der Augustwoche in der Aroser Allee hat vielleicht seine Schärfentiefe verloren. Sollte ich wirklich als Unbekannter an der Wohnungstür fremder Leute geklingelt und gesagt haben: „Guten Morgen. Ich bringe heute für Frau Arndt die Zeitung und möchte gleich kassieren.“ Ja, ich bin an drei Tagen durchs Frühlicht von Reinickendorf gelaufen. Ich habe Zeitungen ausgetragen. Die Leute öffneten mir ihre Wohnungstür. Sie bekamen ihre Zeitung, ich bekam das verlangte Geld. Ich war glaubwürdig, die Leute sahen in mir einen Erwachsenen, und ich habe das nicht kapiert! Die Zubereitung der Tütensuppe in Tante Evas Küche brannte sich in mir tiefer ein als das Zeitungstragen. Ich entledigte mich dieser Aufgabe mehr in dem Gefühl, ein begonnenes Sommerspiel unterbrechen zu müssen, als hätte Mutter mich gerufen und mir befohlen, schnell mal in den Milchladen von Hahns am Bonifatiusplatz zu flitzen und einen Liter frische Milch zum Kuchenbacken zu holen, weil die alte Milch sauer geworden war. Danach könne ich gleich weiter spielen.

Die Leute an den Reinickendorfer Wohnungstüren redeten zu mir wie zu einem Erwachsenen, während ich kassierte. Sie forderten mich auch auf, aus der Ostzone abzuhauen und nach Westberlin zu kommen. Wo ich doch schon mal hier sei, könne ich doch gleich hier bleiben. Die die junge mollige Frau an der Wohnungstür im offenen Morgenmantel holte meine Sinne aber auch nicht ins Erwachsensein hinüber. Sie gewährte mir lange Einblicke, als sie ihr Geld aus dem Portemonnaie fingerte. Ich wusste nicht, worauf ich an ihr schauen sollte, aber verzählt habe ich mich nicht. Als die Mollige ihre Tür wieder schloss, fiel mir ein, Am Röhrgraben noch nie einen Morgenmantel gesehen zu haben. An den drei Nachmittagen nach den aufregenden Zeitungsmorgen fotografierte ich dann, was das Zeug hielt, und knipste zwei 36er Filme mit schwarzweiß Fotos voll. Und wenn ich lange kein amerikanischer Straßenkreuzer mit Deltawings am Heck erblickte, war ich auch mit einem Opel-Kapitän zufrieden. Detlef wurde ängstlicher an meiner Seite von Mal zu Mal, weil er eine Kontrolle der MP fürchtete. Schließlich kamen wir an einem Imbissstand zur Ruhe, neben Karussells und Schießbuden, und ich sollte mit ihm zusammen eine Currywurst gegen den aufkommenden Hunger essen. Mir waren bis zu diesem Moment nur Fischbrötchen vom Jahrmarkt auf dem Anger oder Bockwurst mit Brötchen vom runden Kiosk vor dem Sangerhäuser Bahnhof geläufig. Ich zögerte ein wenig. Ich hatte Scheu vor der roten Pampe auf der unbekannten Westberliner Wurst. Das Zeug brannte auf meiner Zunge.

[U1]Für 102

11:04 11.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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