"Am Röhrgraben" (103)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Eigentlich war mir die Vergeblichkeit meines Wunsches nach einer Niethose bereits in dem Augenblick meines Eintretens in die Reinickendorfer Küche der Tante Eva klar gewesen. Blitzartig schoss mir der Gedanke ins Bewusstsein, wenn eine Küche so aussieht, wie bei Tante Eva, gehen deren Bewohner nicht nebenbei eine Niethose kaufen, nur weil einer mal den Wunsch dazu äußert, und er doch mit einer Hose bekleidet ist, mit einer ordentlichen Hose aus dunklem Flanell. Ich begriff auf eine altkluge Weise auf einmal den sozialen Stand der Tante Eva, über den Mutter vor meiner Reise mich hatte aufklären wollen, ich ihr aber nur unwillig zugehört hatte. Ich begriff beim Umschauen in der Küche der Tante Eva, so muss eine Küche aussehen, wenn kein Geld im Hause ist. Und ich respektierte bald die Küche und die gesamte Wohnung mit einer gewissen Sympathie. Ich fand alles wie selbstverständlich und vermisste nichts und benahm mich in der Wohnung so, als würde ich hier ein- und ausgehen, so wie der Hundefreund der Tante Eva oder das junge Fräulein mit der Frage nach Lichtschaltern in der Ostzone. Den sozialen Stand der Tante Eva begriff ich ohne auch nur eine einzige hochnäsige blasierte Bemerkung zu machen. Darüber bin ich heute verwundert, da ich mich doch gelegentlich mit meinem Mundwerk an verkehrter Stelle gerne und vorlaut verplapperte. Ich schwieg auch nicht etwa deshalb, weil ich um meine Niethose fürchtete. Ich schwieg, weil alles in der Wohnung so eindeutig war. Ich kombinierte nüchtern und sagte mir, hier ist alles knapp bestellt und die Knappheit wird nicht versteckt oder verschämt übertüncht. Sie ist Alltag. Aber ein Fünkchen Hoffnung auf die ersehnte Niethose blieb jedoch in mir glimmen, fast drei Tage lang. Ich hegte diesen kleinen Rest Hoffnung auf eine Niethose sorgsam und nährte ihn mit kindhaften Vorstellungen, vielleicht in der Art, wie man an die Erfüllung seiner Dezemberwünsche durch den Weihnachtsmann hofft. Jeden Morgen vor dem Aufstehen in Reinickendorf, päppelte ich den Gedanken an eine Niethose neu auf. In meiner naiven Phantasie malte ich mir aus, Mutter hätte vor meiner Reise vielleicht fünfzig Ostmark von der Haushaltskasse abgezwackt, und mit einen Stück Papier, auf dem sie ein paar Briefzeilen verfasst hatte, den Schein umwickelt und in einen Umschlag getan, eine Zwanzig-Pfennig-Walter-Ulbricht-Marke aufgeklebt und an die Tante Eva nach Westberlin gesendet. Und ich hatte in meinem Traum mich sogar als freiwilligen Briefträger von Sangerhausen zu erkennen geglaubt, wie ich meinen eigenen Wunschbrief an der Ecke von Hermann Hohnstädters Kaufmannsladen in den Schlitz des gelben, schmiedeeisern verzierten Briefkastens warf. Und wenn ich die fünfzig Ostmark mit dem einen Kilo Fleisch addiere, wäre doch mehr als der Gegenwert für eine Niethose erreicht. Und im Wedding bei Woolworth würde mir Tante Eva von diesem Gegenwert eine Niethose kaufen können. Ich sah mich schwärmerisch noch im August auf der Göpenstraße von Sangerhausen stolz auf und ab promenieren und sogar die lange Balewski würde sich einmal staunend nach mir umdrehen.

Aber meine Chance war verdorben, wie das eine Kilo Fleisch. Das eine Kilo Fleisch roch. Das eine Kilo Fleisch war schlecht. Ein Kilo riechendes Fleisch ist kein Gegenwert für eine Niethose. Und fünfzig Ostmark allein gelten auch nichts beim Kauf einer Niethose bei Woolworth. Vielleicht durchfährt mich in diesem Augenblick ein verspäteter Ärger, weil ich mich heute übertölpelt fühle. Nur weiß ich nicht, wer am meisten von den beiden einen Tölpel in mir sah, meine Mutter oder die Tante Eva. Ich hatte in Wirklichkeit wohl niemals eine echte Chance auf die Niethose. Aber vielleicht wollten weder meine Mutter noch Tante Eva meinen jungen Traum zerstören. Es ist eben doch ein weiter Weg bis zum Erwachsensein. Und immer sind weibliche Wesen auf diesem Weg, die mich narren und an denen ich mich reibe.

18:53 15.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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