"Am Röhrgraben" (104)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Du musst losgehen, zum Bahnhof, zum Zug!“

Wenn[U1] meine innere Stimme mich anschnauzt, hat sie Recht. Ich darf nicht mehr mit Grübeleien die Zeit verbummeln. Sonst fährt der Zug tatsächlich ohne mich. Ich will die Tür öffnen und bleibe doch mitten im Zimmer stehen. Die Straße bis zum Bahnhof ist lang, sollte Mutter mitkommen und tragen helfen? Welches ist eigentlich die längste Straße in Sangerhausen?

Die längste Straße ist die Riestedter Straße. Sie ist ein Teil meines Schulweges gewesen. Ich konnte auf der Riestedter Straße bummeln. Ich konnte wählen, ob ich die gesamte Riestedter Straße oder nur einen Teil für den Schulweg nahm. Ich konnte sie auch auslassen und sie fast völlig umgehen und trotzdem in der Schule ankommen. Andere Straßen sind auch lang, wird jetzt jeder sagen, der sich auskennt und dabei in Gedanken die Erfurter Straße und die Kyselhäuser Straße von Anfang bis Ende durchläuft und mit seinen Sinnen die Länge schätzt und mit der Riestedter Straße vergleicht und dann vielleicht sagt: Die Erfurter Straße und die Kyselhäuser Straße sind ungefähr gleich lang. Aber die Kyselhäuser Straße wiederum ist nur so lang wie die Riestedter Straße.

Welches ist denn nun wahrhaftig die längste Straße in Sangerhausen?

Auf solche pädagogisch fabelhafte Machart betrieb mein weiser Lehrer Paul Benschuh in der siebenten Klasse Heimatkunde und Mathematikunterricht zugleich. Mit den drei Straßen vor den Kinderaugen trichterte er uns spielend den Lehrsatz ein: Sind zwei Größen einer Dritten gleich, so sind sie untereinander gleich. Die Anschaulichkeit seines Unterrichts ist olympisch gewesen. Aber die Sache mit der Länge der Riestedter Straße ist damit noch nicht erledigt. Ich meine, die Riestedter Straße ist Sangerhausen. Da können die beiden anderen nicht mithalten. Die Erfurter Straße ist lang, aber wenn man an ihrem Ende angelangt ist, steht man fast am Anfang von Oberröblingen, ob mit oder ohne Fahrrad. Was will man dort, wo nicht mehr Sangerhausen ist und auch noch nicht Oberröblingen? Am Ende der Erfurter Straße weht der Wind von der Aue und die Nase riecht die Schweineställe von der LPG. Da kann man nur noch umkehren, zurück nach Sangerhausen und dann vielleicht in die Kyselhäuser Straße links rein, so aus Spaß, weil es ja jetzt um die Länge der Straßen geht. Wo hört denn eigentlich die Kyselhäuser Straße auf? Endstation Mühle vielleicht, Hüttenmühle, oder heißt sie St. Gangloff Mühle? Sie ist oder war die letzte und größte der ehemaligen zwölf Mühlen von Sangerhausen.

Aber mein Mehl bekomme ich doch schon bei Kaufmann Hermann Hohnstädter in der Riestedter Straße und nicht in der Hüttenmühle. Wer nennt mir einen Bäcker auf der Erfurter Straße, oder einen Friseur auf der Kyselhäuser Straße? Auf deren ganzer Straßenlänge gibt es davon nichts, oder es gibt für das tägliche Leben wenig oder noch weniger. Alles Leben gibt es nur komplett auf der Riestedter Straße. Die Riestedter Straße beginnt in Sangerhausen und endet in Sangerhausen. Man bleibt auf ihr in Sangerhausen, man bleibt Sangerhäuser vom Stadtbad bis zur Kirche. Dazwischen ducken sich alle anderen Handwerker, auch der Kindergarten, das Waisenhaus und die Kneipen.

Ich kann von der Riestedter Straße nur Gutes berichten. Wenn ich in die Stadt oder in die Schule ging, nahm ich niemals die Hüttenstraße oder den Töpfersberg oder die Salpetergasse. Und ich ging erst gar nicht über den Klosterplatz. Dort kriegte man Dresche, einfach so, wenn man da auftauchte, weil man dort nicht hingehörte. Diese Gegenden waren aber auch nicht mein Schulweg. Schon eher schlenderte ich durch den Speckswinkel, traute mich über die Rittergasse oder verkürzte schon mal über die Tryllerei. Friedlicher aber als in der Riestedter Straße kam mir die Welt nirgendwo vor.

Bis eines Tages bestimmt wurde, ich soll Musikunterricht erhalten, um auf einem Akkordeon Hausmusik machen zu können. Ich erahnte hinter der Verordnung die Hoffnungen meiner Mutter und mit dem Akkordeon zählte ich in meiner Schulklasse auf einmal zu den wenigen, mit einem bürgerlich gesteuerten musischen Bildungsgerät. Die meisten Musischen in meiner Klasse trieb es zur Flöte. Ein oder zwei klimperten auch auf dem Klavier. Nun kam ich hinzu mit einem Akkordeon. Der Zerrwanst war schwarz und schwer. Und immer umgab ihn zum Tragen ein eckiger dunkler Kasten mit einem Metallgriff an der Oberseite. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, als ich das Akkordeon bekam. Das Instrument aber schien älter zu sein. Und es röchelte anfangs bei den ersten Übungen für die rechte Hand.

Frau Müller, die Musiklehrerin, bläute mir das richtige Handhaben des Balges unsanft binnen zweier Unterrichtsstunden ein. Sie hieb auch schon mal auf meine Hand, wenn ihre Anweisung wiederholt nicht befolgt wurde oder fehl ging, mittwochs, zwischen siebzehn und achtzehn Uhr in der Probstgasse von Sangerhausen, tief unter der Ulrichkirche, wo die Stadt ihre verfallendsten Häuslein versteckt und seine dunkelsten Wege hat und die buckligsten heißen: Tromberg, Kirchgasse, Kirchberg, Seidenbeutel.

Alles ist alt hier und abgenutzt und holprig wie meine Fingerübungen. Ich besaß über acht Wochen ein schmales Heft im A 5 - Format mit Noten nur für die rechte Hand im Gepäck. Manchmal kam mir der Gedanke, meine Finger seien zu steif für das Akkordeon und ich sollte doch lieber Flöte blasen lernen. Meine Hand zerrte den Balg nach links und schob ihn dann nach rechts und so ging es hin und her mit Tönen wie aus einer Schafherde. Danach wechselte ich auf die Bässe. Ich fürchtete, nun auch an den Bässen wochenlang melodielos herum zu fingern. Mtata, Mtata, Mta, Mta, Mtata. Ein Lied zu spielen, schien in weite Ferne gerückt. Dabei war mir das Erlernen des Akkordeonspiels bei Wanda Monika Müller als weniger schwierig, ja sogar als eine Art Vorstufe für das Beherrschen des Klaviers zum Beispiel und anderer Tasteninstrumente beschrieben worden. Diese Erklärung hörte ich in meiner ersten Musikstunde bei Frau Müller. Und tatsächlich umfasst ihr Lehrplan neben dem angeblich leichten Akkordeon auch noch heute Klavier, Geige, Flöte, Gitarre und Mandoline. Auch erinnere ich mich ihrer Bemerkung aus einer meiner ersten Unterrichtsstunden in ihrem dunklen Zimmer, sie, Frau Müller, sei einem Konservatorium entsprungen, in welchem sie nicht nur das Spielen mehrerer Instrumente, sondern auch das Tanzen erlernt hätte. Das wiederum konnte ich als Knabe lebhaft begreifen, denn Frau Müller hat eine schlanke Figur und einen etwas stracksigen, sperrigen Gang mit nach außen gerichteter Fußstellung. Mit solchen Gliedmaßen kann man sicher gut einem Konservatorium entspringen, dachte ich mir und ließ nicht von dem Gedanken ab, ein Konservatorium müsse eine wenig freiwillige Einrichtung für Musik liebende Mädchen sein.

[U1]Für 104

17:44 18.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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