"Am Röhrgraben" (105)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Doch[U1] ich wollte der strengen Frau Müller nicht entspringen und schleppte das schwere Akkordeon über die Riestedter Straße zur Probstgasse in die Musikstunde, ohne auch nur einen einzigen Takt von „Kein Schöner Land“ hören zu lassen. Meine Mutter jammerte darüber und sang mir viele Male die Melodie des Liedes vor. „Das ist doch so ein einfaches Lied“, sagte sie voller Vorwurf, „und du kannst es immer noch nicht.“ Ich saß, den Kasten vor meiner Brust, hilflos und erstaunt zugleich. Waren meine Eltern getäuscht worden über die Schwierigkeiten des Instrumentes oder war ich nur nicht in der Lage, meine beiden Hände nach dem Notenbild zu koordinieren? Hielt mich Frau Wanda Monika Müller vielleicht auch schon zum Narren, wie ich von den weiblichen Wesen auf meinem Weg zum Erwachsensein ja behaupte? Wollte sie eine lange Lehrzeit bezahlt bekommen und ließ mich deshalb wochenlang Fingerübungen absolvieren? Nach ein paar Monaten mäßigen Erfolges auf dem Akkordeon ging ich trotzdem zuversichtlich in die Musikstunden, weil ich wusste, ich konnte immer eine Ausrede gebrauchen, wenn die einzuübenden Musikstücke mir überhaupt nicht gelingen wollten. Die Ausreden erdachte ich mir auf dem Weg über die Riestedter Straße, bevor ich in die traurig an der Ulrichkirche kauernde Probstgasse einbog und am Dunkel der alten Gemäuer vorbei dem abschüssigen Straßenpflaster folgend nach unten in Richtung Wassertorstraße auf das Flüsschen Gonna zu ging und hinter dem langen Bogen der Häuserwände verschwand. Meist schob ich in den Ausreden für mein mangelndes Können die Übermacht der schulischen Hausaufgaben vor und hatte damit bei Frau Müller Erfolg und brauchte keine weiteren Erklärungsversuche, um meinen eigentlich fehlenden Fleiß zu kaschieren. Die milde Nachsicht der Frau Müller erleichterte mir das Lernen auf dem Instrument und ihre Strenge zu Beginn meiner Lehrjahre bei ihr vergaßen wir beide wohl bald.

Wenn jemand in Sangerhausen wie Frau Müller Wanda heißt, reicht das. Zum Identifizieren der Person reicht der Name Wanda. Mit dem Namen Wanda weiß man allüberall etwas anzufangen. Selbst meine Mutter wusste sofort Bescheid. Sie nannte die Musiklehrerin ebenfalls Wanda, und äußerte den Namen Wanda mit einer gewissen distanziert klingenden Lautierung, sobald der Name im Zusammenhang mit meiner ausbleibenden Meisterschaft auf dem Instrument erwähnt wurde. Bald erlosch in meiner Mutter das Interesse an Wanda. Sie verstaute die Person Wanda in einer lebensdunklen Ecke ihres Personengedächtnisses und hält sie seither für aufdringlich und ordinär, weil Wanda sich zu oft zum Kaffee selbst einlud, an Samstagen, nachmittags, zu den Stunden, an denen Mutter gern ruhte. Die Besuche wusste Mutter bald in umständlicher aber unmissverständlicher Art abzuwimmeln. Vater enthielt sich einer Meinung und ging der Musiklehrerin Wanda wohl auch deshalb aus dem Weg, weil sie ihm trotz ihres mächtigen und immer gut geschnürten Busens zu männlich erschien. Ich hingegen empfand allmählich über die Jahre hinweg, in denen ich ihr Schüler blieb, und die Unterrichtsstunden in ihrem Wohnzimmer mal absolvierte, mal ertrug, ich wechselte zudem nach anderthalb Jahren missmutigen Akkordeonspiels in das Fach Klavier über, ich fühlte und fühle eine Sympathie für Wanda, weil sie sich, in musischer Profession allein und kinderlos durchs Leben schlägt, weil sie sich selber und auch ihre Stube, in der der Fernsehapparat fehlt, sehr sauber hält. Mit Frau Müller verbindet mich auch eine gewisse Neigung, über das proletarische Sangerhausen und seinen nicht zu vertuschenden Hang zum Saufen und Grölen hochnäsig herzuziehen. Auch gefällt mir ihre mannshohe, dunkelbraune, fast schwarz gebeizte Standuhr. Ich sehe diese Uhr an der Wand stehen, mit dem langen Pendel majestätisch und wie unerschütterlich den Takt der Zeit geben und Ruhe anmahnen. Manches Mal erklang der tiefe Gong des Läutwerkes der Uhr zur vollen Stunde mitten hinein in meinen Vortrag, wenn Frau Müller gestattete oder forderte, das musikalische Pensum über das Stundenende hinaus vorzutragen. Über dem Gekratze eines Geigenbogens oder über meinem Geklimper auf der Tastatur wird ihr der Stundenschlag der Standuhr wie ein harmonischer Wohllaut vorgekommen sein.

[U1]Für 105

18:11 19.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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