"Am Röhrgraben" (106)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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So[U1] sehr mir die musikalische Wochenstunde bei Frau Müller mit der Zeit gefiel, so sehr kam aber auch ein Missklang auf. Ein Missklang, nicht nur ein falscher Ton oder ein Fehlgriff von der Terz zur Quinte. Der Missklang schmerzte meine Empfindungen nicht im musischen Zimmerchen der Musiklehrerin, sondern weit davor, dort, wo die Probstgasse von der Riestedter Straße abzweigt. Meine Harmonie mit der Riestedter Straße begann auf ihr selbst zu leiden, weil ich auf dem Weg zur Musikstunde am Haus eines Mädchens vorbeigehen musste, das sich gehässig an mir und meinem schweren Akkordeon ergötzte und mich mit spitzen Worten verspottete in der Art, doch lieber meinen Vater das Instrument tragen zu lassen, bis ich groß genug gewachsen sei und es dann erst selbst und ohne meinen Körper unter der Last verbiegen zu müssen, tragen könne. Aber alle meine Mühe sei sowieso vergebens, ätzte sie von oben aus ihrem Fenster herab, weil ich bei Wanda niemals ein Lied richtig zu spielen erlernen würde. Sie selber hätte die Musikstunden bei Frau Müller nicht mehr ertragen und von ihrer Mutter aufkündigen lassen. Wenn sie etwas nicht erträgt, können es andere erst recht nicht ertragen, ekelte sie herunter. Dieses Frauenzimmerchen verlieh meiner Riestedter Straße einen Makel. Ich spürte während der sich häufigen Momente des Zusammentreffens eine lästige Qual. Und manchmal, je nach meiner Verfassung, geriet ich sogar in Wut darüber, diesen Begegnungen auf der friedlichen Straße nicht ausweichen zu können. In diesen Momenten kam ich mir vor, wie in eine Falle geraten zu sein. Dorothea passte mich ab. Dorothea hatte die Straße im Überblick. Dorothea herrschte über die Straße wie von einer Zwingburg aus. Ich kam nicht herum, ihre bissigen Worte von oben aus dem Fenster zu ertragen, es sei denn, ich ginge auf einer anderen Straße zur Musiklehrerin, hätte aber dann den Klosterplatz kreuzen müssen. Dort lauerte aber die bereits erwähnte Gefahr, Prügel von den Straßenkindern zu beziehen und von ihnen in den Straßenschmutz gestoßen zu werden. So beließ ich es mittwochs bei dem Weg über die Riestedter Straße, suchte nicht nach einem Umweg, sondern suchte schon aus ziemlicher Entfernung, etwa von dort, wo der Speckswinkel von links in die Riestedter Straße mündet, zu erkennen, ob an den Hausfassaden gegenüber der Stelle, an der die Probstgasse beginnt, ein bestimmtes Fenster im Obergeschoss offen steht und ob Dorothea dort herausschaut und mich somit wieder entdecken könnte. Je näher ich diesem Fenster kam, desto höher spannte sich meine Hoffnung, dieses Mal nicht in ihrem Visier zu sein und an ihrer gehässigen Zunge vorbei huschen zu können, um in der rettenden, abschüssigen Probstgasse mit meinem schweren Akkordeon an der Hand wie ein Krümel in der Brühe zu versinken. Ich fühlte ihre Blicke auf mich gerichtet und glaubte, sie würde es gut mit mir meinen und erkannte nicht die Verachtung in ihren Augen. Ich machte mich lächerlich. Ich posierte vor ihr und geriet doch nur in die Narrenrolle, in der ich den Stoff für die Possen selbst zubereitete. Dorothea machte mich zum genarrten Narr. Aber Dorothea imponierte mir. Ich wetteiferte mit ihr, wer von uns beiden die besseren Zensuren, den besseren Aufsatz, die schönere Schrift, das schnellere Rechenergebnis erreichte. Doch sie musste mich auslachen und über mich lästern, denn sie sah wohl schon jenes, was ich noch nicht sah: meinen knabenhaften Körper, meine lederhosigen Albernheiten. Und ihr Lästern setzte sie mittwochs fort, sobald sie mich mit dem schweren Akkordeon die Riestedter Straße entlang keuchen sah, und dann beugte sie sich weit und mit falschem Lachen aus dem Fenster, hieß mich, ein Gespräch vortäuschend, anhalten, und fragte dann unverblümt, ob das Akkordeon immer noch schwer sei, und ob ich immer noch an dem gleichen Stück übe wie vergangene Woche, und ich würde zu spät kommen, sollte ich da unten weiter herumstehen. Dorothea besaß einen Köcher voller giftiger Pfeile. Sie hat mich damit getroffen, was ich nicht verhehlen will, und sie lachte noch mehr, wenn ich mich wortlos abdrehte und mit dem Instrument mühselig meinen Weg in die Probstgasse zur Musikstunde fortsetzte. Wie oft mag ich Esel der Scheinheiligkeit des Mädchens auf den Leim gekrochen sein?

[U1]Für 106

13:50 20.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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