"Am Röhrgraben" (107)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Mutter[U1] hat mich verspottet, um in mir Tugenden und Einsichten hervor zu rufen. Vielleicht war und ist der Spott für meine Mutter auch ein Mittel, mit mir über das Alltägliche zwischen uns zu sprechen, um mich anzuregen zu einer einfachen Unterhaltung. Ich bin doch ein wortkarger Bursche geworden, mehr und mehr unbeholfen beim Formulieren von Gedanken und unsicher im Ausdrücken meiner Ansichten. Und jedem anderen, der sich in lockeren Sätzen und lächelnd dazu mit seiner Umgebung austauschen kann, dem sehe ich scheelen Blickes hinterher.

Wer an der Auflösung einer einfachen mathematischen Gleichung scheitert, weil er den Vorrang der Punktrechnung vor der Strichrechnung in der zehnten Klasse immer noch nicht anzuwenden weiß, soll als Oberschüler sich still verhalten. Wer sich brüstet, Belletristisches zu lesen, aber den Eroberer Pelle nicht kennt, ist ein Angeber. Wer die Fensterbrüstung nicht waagerecht einmauern kann, wird die Maurerlehre nicht bestehen. Wer glaubt, eine schlanke Figur zu haben, aber die Breite seines Beckens nicht sieht, wird auch das Kichern der Mädchen nicht verstehen.

Das sind nicht die originalen Sätze meiner Mutter. Mutter ist lakonischer im Stil. Aber Sätze solcher Art entstanden aus ihren Spötteleinen und ich habe sie aus dem Gedächtnis formuliert. Und es sind auch nicht alle Sätze, die sich in mir mal mehr, mal weniger in den vergangenen zwei, drei Jahren einprägten. Den Sätzen liegt etwas Forderndes, etwas Mahnendes inne. Es sind die Bitten meiner Mutter, ich solle weniger polternd und grobschlächtig durch die Tage meiner Jugend gehen. Und es liegt auch eine leise Bitte von ihr darin, ich soll sie sanfter behandeln. Ich habe solche Sätze für mich behalten, sie niemandem mitgeteilt, weil sie mich verunsichern und ich merke, wie sich an ihnen mein Blick nach unten senkt. Werde ich meinen Zustand, mein Verhalten auf der Universität in Dresden ändern können? Bekomme ich dort Impulse zu einem anderen Denken? Was hält mich hier Am Röhrgraben so niedrig? Fehlt mir jemand mit der Gabe, mich zu Eigenem zu ermutigen? Hätte ich diesen Jemand ertragen? Oder er mich? Zu häufig denke ich dabei, in mir ist nichts zu entdecken und gebe oft den Umständen und nicht mir die Schuld an meinem unentschlossenen Dasein. Und ich schaue auf andere, die seit dem Abitur schon ein Jahr auf der Uni sind. Ich bin neidisch auf diesen oder jenen meiner Schulfreunde und Sportkameraden und ihre so selbstverständlich verlaufenden Übergänge von Schule zu Beruf oder zu noch höherer Schule.

Ich glaube, ich bin orientierungslos zurück gefallen. Ich bin noch nicht ich. Und ich erkenne kein rechtes Ziel, ich habe nur Träume. Soviel weiß ich von mir und ich sage dies nicht im Jubel einer gewonnenen Erkenntnis. Ich sage es kraftlos und ein wenig resignierend. Wenn ich hier Am Röhrgraben bleibe, Dresden nicht bestehe, dann werde ich tatsächlich in Sangerhausen die Schwellen für mäkelnde Hausbesitzer mauern, meine Kaninchen morgens und abends füttern, den Hühnern täglich das Futter in den Auslauf streuen und nach irgendeinem Tanzabend ein Mädchen schwängern. Meine Mutter würde darüber auch nicht froh werden, obwohl sie mich in ihrer Nähe wünscht. Ich lasse mich treiben, seit Monaten schon. Mit all diesen Fragen und Zweifeln werde ich nicht fertig. Es wird gut sein, vom Röhrgraben weg zu kommen.

[U1]Für 107

22:28 23.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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