"Am Röhrgraben" (108)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Die Kumpels aus meiner Klasse oder aus dem Schwimmverein drängten mich gelegentlich nach Wochenendveranstaltungen zu erfahren, was ich von diesem oder jenem Mädchen hielte, ob ich sie attraktiv fände, oder was mit ihr machbar wäre. Umgekehrt fragte ich, was sie nach dem letzten Tanzabend im Schützenhaus auf dem Anger mit ihren Mädchen angestellt hatten. Das Interesse an Details war immer groß. Das Meiste in den Erzählungen war lebenstrunkene Angeberei. Das Bier floss am Tanzabend schneller in die Kehle als die Potenz aus der Hose. Die Drohung des Vaters zu Hause vor dem Tanztermin wog schwerer als die Lust auf die nackte Brust des Mädchens. Mit den geprahlten eigenen Taten an den Mädels lagen wir Jungen meist über dem Tatsächlichen. Aber auf diese Art und Weise haben wir uns gegenseitig ausgefragt, uns Mut eingeflößt, beim nächsten Treff mit einem Mädchen noch drängender vorzugehen oder nach einer anderen zu suchen. Wenn das verschämt genüssliche Aushorchen langsam zu Ende ging, abebbte, weil alle Neugier gesättigt schien, geriet dieser oder jener aber doch ins Nachdenken über der anderen erotisch heldenhafte Taten. Und wenn wir dann auseinander gingen, uns trennten und es hätte einen gegeben, der in unsere Gesichter geschaut haben würde, der hätte in diesen Gesichtern vielleicht bei manchem ein Grinsen bemerkt über der besonders lässig im Mundwinkel hängenden Zigarette. Er würde vielleicht auch die gesunde Skepsis in dessen Gedanken erahnt haben, weil die eben von den anderen erfahrenen erotischen Abenteuer eigentlich gar nicht stimmen könnten, weil die Taten zu dick aufgetragen waren, so wie wir alle zu dick auftrugen und mit Sachen prahlten, die uns die Mädels an ihren Körpern gar nicht erlaubt hatten. Es ist wahrscheinlich in allen Cliquen der achtzehnjährigen Jungen ähnlich, und nichts Neues, und schon seit Menschengedenken ist das so und wird so bleiben, wenn die Neugier auf das andere Geschlecht eine Zeitlang bestimmend wird. Die Neugier ist sowohl weiblicher als auch männlicher Natur. Im Normalfall ist die sexuelle Neugier auf das andere Geschlecht gerichtet. Im Normalfall machen die Augen den Anfang und richten die Neugier zwischen die Beine.

Ich muss über solche Gedanken lachen. Ich weiß nicht warum. Es kommt mir vor, als würde ich einen Aufsatz über „Frühlings Erwachen“ schreiben wollen und suchte nach einem humorvollen Anfang für den dramatischen Stoff mit dem traurigen Ende. Am Anfang der Neugier ist immer ein Lachen dabei, denke ich mir. Das sexuelle Begehren beginnt meistens mit einem Lachen. Schon in den Jahren des kindlichen ahnungslosen Spielens begleitet das Lachen die Entdeckung des anderen Geschlechts.

17:36 26.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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