"Am Röhrgraben" (109)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Warum schrie meine Mutter auf und verhüllte ihre Brüste, als ich sie als Fünfjähriger einmal ohne Kleider zu sehen bekam an einem Morgen in der Küche, wo ich noch schlaftrunken im Spülichteimer meine Notdurft verrichten wollte und Mutter mich sofort aus der Küche heraus ins Bett zurück scheuchte? Ich war nicht gekommen, um ihr etwas Böses anzutun. Warum hat sie mich nicht an sich heran genommen? Warum hat sie mich nicht an ihren dicken warmen Bauch gedrückt und sich dann erst weiter angezogen und dabei meine Fragen beantwortet über ihren Körper, der doch sehr anders als der meinige ist, und dass er sich so weich anfühlt und warum die Haut so weiß ist, und warum an ihren runden Oberschenkeln so dunkle Flecken und viele kleine Adern sind?

Da muss also erst Jahre danach ein pornografisches Foto herhalten, um verstehen und spüren zu können, was im Allgemeinen bisher verhüllt geblieben war, was mit dem fremden, künstlichen, unnatürlichen Zustand der Scham und der Sünde zugedeckt und mit einer Maske der Abschreckung versehen worden war, um uns gegenseitig auf Abstand zu halten. Aber das Gegenteil tritt ein, je unergründlicher das Versteckspiel betrieben wird und wir irgendwann auf einmal selbst erfahren, was uns in Wirklichkeit dem anderen Geschlecht zutreibt und wovon wir träumen, und worüber wir uns manchmal erhitzen und prügeln, und weshalb wir nachts im Dunkeln uns an den Mädchen vergreifen, und die an uns, und warum die Leibwäsche meiner Mutter zum Trocknen auf der Leine vor den Augen fremder Leute verborgen bleiben soll. Eigentlich sieht ihre Leibwäsche doch immer etwas zerschlissen aus.

Wie sind die Menschen voller Angst vor der Nacktheit. Sie verlieren den Verstand, wenn sie nackt sind. Als die Mutter meiner Mutter endlich einmal erkrankte und zum Arzt gebracht wurde, bekam sie Krämpfe und starb beinahe vor Angst während der Untersuchung. Sie hatte ihre Nacktheit zeigen müssen. Sie war noch nie in ihrem Leben bei einem Frauenarzt gewesen. Noch nie hatte ihr jemand zwischen die Beine geschaut. Und als sie wieder angezogen werden konnte, rief sie erschöpft aber voller Erregung dem Arzt zu: „Du Vieh!“ Dem Alexej Peschkow, als er mit seinen Wanderungen durch Russland wohl viel Bitteres unter den Menschen dort gesehen und selbst durchlebte, dem schrie die Frau mit dem gelben Kopftuch, die ihm im Dickicht des Buschwerks am Wege aufgefallen war, die schrie ihm verzweifelt vor Scham zu: „Bandit! Satan!“ Der „Bandit“ Peschkow hatte der Frau auch zwischen die Beine geschaut und dann die Nabelschnur durchgebissen und so einem Kind auf die Welt geholfen.

Meine Großmutter hat drei gesunde Kinder zur Welt gebracht und gedeihen lassen. Vielleicht hatte sie 1905, als sie junges Eheweib gewesen war, über der Pflicht zum Kindergebären auch etwas mehr gespürt als nur den keuchenden Mann in ihrem Unterleib. Doch ich glaube eher, nach jedem Kirchgang und nach den arbeitsreichen Tagen auf dem Feld und im Stall wird die märkische Ehefrau eines Bahnschlossers diesem winzigen Gefühl während des ehelichen Beischlafes kaum ein extra Nachdenken gewidmet haben. Ihr Gefühl wie auch das ihres Bahnschlossers waren ohnehin nicht zugelassen. Gefühl im Unterleib wurde verhüllt und in Ehepflicht umetikettiert. Gefühl war nicht erlaubt. Wer Lust verspürte, spürte etwas Unerlaubtes. Gefühl galt als unsittlich. Unsittliches geschieht im Bordell. Zwischen Mann und Frau geschieht die Ehepflicht.

Wenn mich etwas nach der Wäsche eines Mädchens greifen lässt, ist es aber nicht meine Pflicht, es ist mein Trieb? Ach, niemand erzählt, wie es ist. Niemand erzählt es mir und ihr und ihm und denen.

Meine Mutter erzählte mir, wer richtig arbeitet, hat keinen dollen Trieb nach dem Ding da zwischen den Beinen.

20:04 29.09.2012
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Geschrieben von

utrolle

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