"Am Röhrgraben" (110)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Wenn mein Mathematiklehrer Horst Kramer auf der EOS seine für die Erläuterung eines Rechenweges zeitaufwändige Ausführlichkeit vermeiden musste, weil sonst das Klingelzeichen die Stunde bald und ohne erreichtes Ergebnis beenden würde, oder weil ihm vielleicht die Lust an weiteren wortreichen Erklärungen fehlte, oder weil uns Schülern an einer kniffligen Stelle die Begründung nicht plausibel genug zu vermitteln war, sagte er zur Klasse mit größter Selbstverständlichkeit: „Ich mache jetzt einen Kunstgriff…“ und setzte dann an einer fortgeschritteneren Stelle den Rechenweg zum Ergebnis hin fort. Horst Kramer übersprang lässig einige mathematische Mäander und wir Schüler freuten uns des Kunstgriffes, weil wir irgendwie ahnten, Horst Kramer springt uns zuliebe über die Langatmigkeit des Rechenweges, nimmt sich die schwierige Rechenlast lieber selber auf die Schultern und macht so den Weg zum Abitur kürzer und leichter. Horst Kramer ist ein Vordenker. Er dachte über seine Klasse, mit einem Kunstgriff wird die Lust unter den Schülern, das Abitur zu erreichen, hinreichend größer. Er musste aber auch deshalb in dieser Art voraus denken, weil sich die Schülerschar der Klasse auf der EOS binnen der ersten zwei Jahre bereits halbiert hatte. Die Lust der verbliebenen zweiten Klassenhälfte auf ein Abitur konnte er damit zumindest in seinem Mathematikunterricht erhalten. Die sechzehn Schüler seiner Jungen-Klasse, mehr waren wir zum Abitur nicht, kamen durch, vielleicht wegen und Dank der gelegentlichen Kunstsprünge über den Graben der mathematischen Schwierigkeiten. Und ähnlich kunstfertig handelte er auch gelegentlich bei der zeitaufwändigen, umständlichen, also reduzierbaren Kontrolle der Hausaufgaben. Ich erkannte meines Lehrers Gelassenheit und nahm mir vor, dies auszunutzen und zu versuchen, ohne erledigte Hausaufgaben das Ende des Schuljahres zu erreichen. Ob Horst Kramer meine Absicht erkannt hatte? Ich habe den bejahenden Verdacht, da ich nie in eine Kontrolle geriet und nie eine Ausrede für nicht erledigte Hausaufgaben zu erfinden hatte. Außerdem war meine errechnete Lösung ohnehin und meistens falsch und nicht vorzeigbar und vielleicht hat das der Horst Kramer gewusst, hat es meinem Gesicht abgelesen, hat mir die Blamage vor den anderen erspart und deshalb seine Kontrollen um mich herum geführt, eben in einer Art und Weise um mich herum mäandert, scheinbar stochastisch, aber ich möchte lieber sagen lanciert.

Andererseits aber war mir in bestimmten Bereichen meines naiv und löchrig reflektierenden Bewusstseins dieser, aus der heutigen Überschau musterhafte Durchgang durch die Mathematikkontrollen gar nicht gleichgültig. Im Gegenteil, ich fühlte mich verraten, unter Wert behandelt, auf der Strecke geblieben. Ich fühlte, so einfach kann es in einem Schülerleben nicht zugehen, zumindest kann nicht straffrei enden. Ich weiß, wie ich mein unkontrolliertes, unangetastetes Kommen und Gehen, mein substanzarmes Verweilen im Fach Mathematik nicht geradewegs linear und voreilig dem Mathematiklehrer zuschrieb und mich mit dieser Interpretation zufrieden gab. Nein, es muss in meinem Bewusstsein ein Areal gesunden Denkens weiter reflektiert haben. Das hat mich überleben lassen und gab nicht Horst Kramer, sondern mir, mir selbst die Schuld an meinen Wissenslücken, an meinen Lernschwächen, an meiner Unlust zur Anstrengung, an meiner Angst vor dem Versagen und an meiner Scheu, mich jemandem anzuvertrauen, um mit ihm gemeinsam die fachlichen Mängel zu beseitigen. Dieses spähende Areal im Kopf hat sich clever mit dem Selbsterhaltungstrieb vernetzt und mich damit im Gleichgewicht gehalten. Es beförderte aus meinem Unbewussten heraus ein Katastrophenszenario in mein tägliches Denken, eine Art strategische Gegenkraft wider den Misserfolg an der EOS, eine psychische Antiwaffe für den möglichen Ernstfall. Jeden Morgen rüstete ich mich damit auf und sagte mir, wie seinerzeit montags zum Fahnenappell auf dem Hof der Ernst-Thälmann-Schule, aber jetzt auf anderem Niveau: Sei bereit, im Abitur versagen zu können! - Immer bereit!

Ich musste so denken, ich brauchte diese Parole als Energieresource. Es war mein Kunstgriff, mit dem ich die Schwierigkeiten in der elften und in der zwölften Klasse zu überspringen das nötige Selbstvertrauen zu erzeugen in der Lage war. Unter mir sollte es ruhig brodeln, sollte der Kessel der teuflischen Lernküche überschäumen. Ich sprang darüber, ich trug dabei die weiße Fahne und signalisierte Widerstandslosigkeit. Nein, ich muss sagen, ich hisste den Black Jack an meinen Mast, auf dem ich den Totenkopf mit zwei Füllfederhaltern kreuzte, als Zeichen meiner schwarzen Pennälerjahre und mit der unsichtbaren Aufschrift: Ich werde nicht besser. Auch wenn ich mich anstrenge, werde ich nicht besser. Ich lasse es darauf ankommen.

20:17 01.10.2012
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Geschrieben von

utrolle

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