"Am Röhrgraben" (111)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Als die schriftlichen Prüfungen 1964 begannen, lag mein achtzehnter Geburtstag noch vor mir. Ich belegte die Fächer Mathematik und Physik und kam gerade so durch. Der Black Jack saß mir bei diesen beiden Prüfungen auf der Schulter und steuerte meinen Puls. Aber zur mündlichen Matheprüfung ritt er mich im Galopp und machte aus mir die Gallionsfigur einer Aufrührerbande. Es galt, die Anzugsordnung zu kippen. Nur blieb ich der einzige verführbare Aufrührer, der den für die Exerzitien angesagten Anzug mit Krawatte und weißem Hemd ignorierte und vor die Prüfenden mit einem bunten Pullover trat. Wieder blieb Horst Kramer gelassen, begleitete mich jedoch nach meinem Vortrag zur Tür und sagte dort in unübertrefflicher Lakonik: „Ulrich, die nächste Prüfung im Anzug!“

Ich verspüre jetzt noch eine Neugier zu erfahren, was wohl die Fachlehrer über mich gedacht haben mögen, als sie mich sahen, sich dazu an meine wirren Kritzeleien auf den A 4 Blättern des schriftlichen Prüfung erinnerten und wie sie ihr Entsetzen über meinen idiotischen Auftritt vielleicht nur mit einem Schmunzeln drosseln konnten. Wie viel Ermessen mussten sie walten lassen, um ein „Gut“ am Ende über mich zu begründen und es im Reifezeugnis eingetragen ward? In Deutsch und Russisch, den beiden obligatorischen Prüfungsfächern erfüllte ich die Erwartungen meiner Lehrer und auch meine eigenen. In mehr als in vier Fächern wurde selten jemand geprüft. Es galt eher als Ausnahme, Schüler in mehr als vier Fächern zu prüfen. Wer randvoll in fünf Fächern geprüft wurde, gehörte wahrscheinlich in der Schulzeit zu jenen Ausbunden an Widerspenstigkeit, für die sich die Lehrer eine kleine Rache bis zum Abitur aufgesparten.

Kaum war ich den vier Prüfungen entronnen und hatte meine Gesamtnote erfahren, stürzte ich geradezu aus dem Schulgebäude, sah und hörte niemanden mehr. Mit Disziplin hielt ich noch dem Gerangel um die Aufnahmen für ein Klassenfoto stand, dann ergriff ich mein Fahrrad und entließ mich selbst auf der Kyselhäuser Straße bis zum heutigen Abend, aus dem Schulalltag. Mich durchströmte ein unglaubliches Gefühl von Leichtigkeit. Unser Haus Am Röhrgraben glänzte wie ein goldenes Schloss. Die Sonne strahlte durch alle Zimmer. Der Taubenberg winkte mir fröhlich aus weiter Ferne zu. Mich kümmerte und beschwerte nichts, weder der Staub auf den Möbeln, noch der Geruch aus dem Buffet in der Kleine Stube. Ich klaubte eine Casino aus Mutters fleckiger Schürzentasche und rauchte in tiefen Lungenzügen draußen vor der Kellertür. Es war still im Haus, ich war allein und doch gewahrte ich in allen Zimmern meine Mutter, meinen Vater, meinen Bruder, die Tanten und die Cousins und die Großeltern in aufgeräumter Stimmung. Ich ging durch unsere kleinen Räume, ließ die Türen offen stehen, machte einen großen festlichen Saal aus dem Haus und lachte mein Leben an. Bald sah ich an mir herunter auf meine nackten, strumpflosen Beine, auf die zertretenen Sandalen, auf die zu kurz aufgekrempelten Shorts, bald sah ich in die Ferne auf die Erhebungen des Vorharzes, auf die Schachthalde, auf die Wälder. Unbändig jubelte es in meiner Brust und ich hätte allen um mich herum ihre Schandtaten und mir auch meine verzeihen können, alles Missglückte in der Familie vergessen wollen. Mir war, als könnte es mir Am Röhrgraben gelingen, aus dem vertrackten Leben ein neues zu beginnen und in Gedanken stellte ich das Haus auf den Kopf, schüttete unser elendiges Dasein aus den Zimmern bis auch alle Ritzen und Spalten leer waren. Die gebrauchten Möbel ersetzte ich durch helle Schränke. Vor die Fenster hängte ich luftige Stores, die Deckenlampen strahlten in weißem Glas und auf den Tischen waren helle Decken ausgebreitet. Und ich begann Vater und Mutter und meinen Bruder zu herzen und nahm mir vor mit ihnen in einer unaufhörlichen Harmonie leben zu wollen, auf dass Streit und Missachtung ewige Unbekannte bleiben. Welch eine großartige Einrichtung ist doch das Leben, sagte ich zu mir, und meine Muskeln spannten sich hart und erwartungsvoll gegen das Hemd, an dem der oberste Knopf fehlte.

11:23 03.10.2012
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Geschrieben von

utrolle

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