"Am Röhrgraben" (112)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Einige Zeit später, als das letzte strenge schwingende Sausen in meinem Kopf abgeflaut war und das erlangte freie Lebensgefühl mein Bewusstsein zum ersten Sortieren der Schulzeit anregte, vertraute ich mich zaghaft meiner Mutter an. Ich erzählte ihr von jenen Tagen an der Schule, an denen ich nicht in der Lage war, zu lernen vor innerer Unruhe. Ich benannte ihr meine Ängste während der Schulzeit über die Wissenslücken in wichtigen Fächern. Ich sagte ihr, ich hätte den Eindruck, nicht meine Leistungen, sondern meine Person habe das Abitur mit „Gut“ bestanden.

Mutter reagierte schwach. Sie war froh und stolz auf mein Abitur. Meinen Eindruck a posteriori hielt sie für Eitelkeit. Sie verstand mich nicht.

Ich schwieg daraufhin, erwähnte nichts mehr von meinen Lernschwächen und nahm auch den Verdacht, ich sei als Person und nicht nach Leistung bewertet worden, diesen Verdacht, diese Vermutung nahm ich nicht mehr in meine ernste innere Auseinandersetzung. Seit ich meiner Mutter meine Vermutung offenbarte, seit ich es gewagt hatte, gegen mich zu sprechen, habe ich eine weitere Vermutung hinzu erhalten. Ich glaube, ich habe die Jahre auf der EOS mit einer, wenn auch für Fremde unsichtbaren psychischen Schwächung überstanden.

War ich überhaupt für die EOS geeignet und den Anforderungen dieser Schule gewachsen? War ich nicht an der EOS fehl am Platze und habe ich über der Menge an Misserfolgen während der vier Jahre nicht eine Delle in meinem sozialen Verhalten erfahren, die mich gut zwei Jahre lang deutlich markierte? Warum hat der Freudentaumel über das gute Abitur nicht angehalten und mich angespornt und endlich zu größerem Selbstvertrauen geführt? Warum erlebte ich nach dem Abitur erneut depressive Phasen und traurige Stimmungen? Warum erlebte ich nicht die Lust und den Mut zu eigenem Tun? Stattdessen bestimmte mich Wochen später schon wieder ein resignierendes Dösen. Ich ging allein und ziellos durch die abendlichen dunklen Straßen von Sangerhausen, wünschte mir im Inneren aber jemanden, dem ich erzählen könnte, wie ich mich mit Selbstzweifeln quäle, wie primitiv und gleichgültig die Menschen mir erscheinen, wie eingeengt ich mich im Haus Am Röhrgraben fühle.

Am nächsten Morgen kam mir mein Verlangen wiederum wie das lächerlich wirkende Verhalten eines Betrunkenen vor, der aller Welt seinen gedanklichen Trödel vorsabbert und ich war froh, niemanden auf meinen Gängen durch die Stadt mit meinen Ansichten belästigt zu haben.

Ein „Rühr mich nicht an“ wurde mir eine angenehme Schutzhülle für den Tag. Ich ließ mich wieder treiben, suchte in brotlosem Bücherlesen und im Verfassen von seltsamen Gedichten meinen Weg und reagierte mürrisch und abweisend gegen meine Mutter, wenn sie mich zurückgezogen sah und mich mit ihrer Gegenwart aufmuntern wollte.

Wie erkläre ich mein Verhalten, aus der Gesellschaft Gleichaltriger zu fliehen, mich schnell aus ihr zurückziehen zu wollen? Ich erhob mich arrogant über sie hinweg, glaubte, die Gesellschaft Gleichaltriger nicht ertragen zu können, ohne selbst in der Lage gewesen zu sein, in ihr gleichberechtigt aufzutreten, zu kommunizieren, zu lachen, sie gar zu formen. Mich peinigte nach Außen eine störrisch anhaftende Verkrampfung im Auftreten. Im Inneren verunsicherten mich Minderwertigkeitsgefühle und eine unerklärliche Ziellosigkeit. Ich merkte in mir ein neidgesteuertes Herabwürdigen anderer, sobald ich in ihrer Gegenwart nicht auftreten konnte, mich unterlegen fühlte.

18:46 04.10.2012
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Geschrieben von

utrolle

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