"Am Röhrgraben" (113)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Während der Arbeit auf den Baustellen meiner Lehrzeit nahm die Lust auf Mädchen ab. Es trieb mich wieder mehr nach Büchern.

Doch ich schlief meistens bald über meinen Büchern ein und einmal träumte ich, irgendjemand prügelte die Büchersucht aus mir heraus. Sein Knüppel sauste auf mich immer fort. Ich schrie wie in dem Märchen vom „Tischlein, deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“, fühlte aber keine Schmerzen und gelobte dem Knüppelschläger Besserung. Ich fühlte mich mit jedem Hieb eigenartig erlöst. Ich schwor im Traum den Büchern ab, wie auf einer Folter. Mir wurde seltsam leichter ums Herz. Der Knüppelschläger übermannte und bezwang mich. Ich war besiegt, die feingeistige verpickelte Umhüllung fiel von mir ab. Sinnliches Verlangen stieg wieder in mir auf. Her mit der Männlichkeit, her mit der Muskelkraft. Die Füße gewaschen, die Brust gewölbt und endlich ein Kerl sein.

Am Tage wurde meine Mutter zur ohnmächtigen Beobachterin meines orientierungslosen verzückten Herumruderns in einer traurigen Wolke aus unerfüllbaren Wünschen und Selbsttäuschungen und Liebessehnsüchten. Und was sie nicht sah, spürte sie. Mutter ist nicht froh geworden über mich, ihren Sohn, auf den sie so viele Hoffnungen legt. Und von Zeit zu Zeit begrub sie wieder ein paar von ihren Hoffnungen, wenn sie mein hilflos stotterndes Auftreten beim gemeinsamen Einkauf einiger Dinge für den Haushalt erlebte, wenn ich in den Geschäften sie und mich gleichsam blamierte mit meinen höhnenden und abweisenden Worten gegen das Verkaufspersonal und Mutter sich schämte.

Weshalb bin ich unausstehlich geworden? Nicht die Prügel in meinem Traum, sondern wirkliche Prügel könnten den Fatzke in mir, den unfreundlichen Gernegroß austreiben. Mutter schaute bekümmert auf mich, wenn ich mit arrogantem Habitus daher kam.

Meine eigenen Ziele konnte ich nicht benennen, es geriet kein Sinn in meine Worte. Stattdessen bekam ich lange Zeit rote Wangen, wenn ich von meiner Zukunft reden sollte und meine Augen verrieten Unsicherheit. Ich kann auch jetzt noch nicht meine Ansichten anderen verständlich machen. Es wird wohl mein eigens Gespür sein, dass mich zurück hält, etwas zu formulieren, was nichts weiter ist als die Illusion eines Unreifen und ein paar Fluchtgedanken. Vor ihnen wollte und will mich meine Mutter warnen.

„Du weißt nichts, aber auch gar nichts von der Welt. Sei doch wenigstens freundlich zu den Leuten, die lachen nur über dich. Mein Junge, aus dir wird mal nichts werden, wenn du so weiter machst.“, sagte sie.

„Lass mich in Ruhe“, entgegnete ich ihr und brüllte: „Ich will weg von hier. Du kannst alles hier im Haus allein machen. Dein ewiges Gejammer hängt mir zum Halse raus!“

Ich war nicht bereit, meiner Mutter zuzuhören. Ich wies meine Mutter impulsiv und verletzend zurück. Ich ertrug ihre Belehrungen nicht, weil Mutter Recht hatte. Ich wollte weg und wollte doch bleiben. In mir erlaubte ich Gedanken, mein Leben mit einem totalen Bruch Am Röhrgraben irgendwo anders fortzusetzen. Auf die Tapete an der Wand, auf die Seite am Kopfende meines Bettes schrieb meine Mutter vor wenigen Wochen mit großen nicht zu übersehenden Buchstaben: Ich, Ich, Ich. Ein Menetekel. Aber ich verstand es. Es traf mich mit Wucht. Mir war, als wolle Mutter gegen meinen Narzismus Sturm laufen. Kein Flehen, kein Bitten, keine Mahnungen, kein heftiger Wortwechsel, ging dem voraus.

Mit drei simplen Worten erweckte sie mich einem Donnerschlag gleich aus meiner ziellosen Ödnis, in der ich mich eingerichtet hatte. Wie durch einen Zauberspruch aus einem furchtbaren Bann erlöst, zügelte ich auf einmal mein egoistisches Benehmen. Ich reagierte gegen Mutters Reden und Ansichten nicht mehr so aufbrausend und ablehnend wie bisher, sondern entdeckte mitunter sogar die gleiche Meinung in mir.

17:14 09.10.2012
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Geschrieben von

utrolle

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