"Am Röhrgraben" (88)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Ein Küchenabend wie bei Tante Eva ist Am Röhrgraben undenkbar. Ich meine damit nicht die Hunde in der Küche der Tante Eva, die sich über Mutters Fleisch hermachten. Ich meine damit die Geselligkeit an dem Tisch in der Mitte der Küche der Tante Eva, die Am Röhrgraben so nie stattgefunden haben könnte. Nicht, weil uns eine große Küche fehlt und der Küchentisch nicht in der Mitte, sondern bei uns an der Seite steht. Ich meine damit, ich bin ungesellig aufgewachsen. Ich möchte sagen, Geselligkeit ist mir vorenthalten worden. Geselligkeit ist ein mir fremdes Verhalten.

Nur einmal, zu meiner Jugendweihe, also etwa ein Jahr vor meiner Reise nach Reinickendorf, erlebte ich eine feierliche Runde mit etwa einem knappen Dutzend Leuten aus Verwandten und Nachbarschaft bei uns, ohne meinen Vater allerdings, der zu Fest- und Feiertagen immer mürrisch und gereizt aus dem Haus hetzte und für mich bis zu nächsten Morgen nicht mehr auffindbar blieb. Aber diese als feierliche Würdigung meiner Jugendweihe eingeladene Kaffeegemeinschaft war keine gesellige Runde wie bei Tante Eva. Sie war gewiss ein für mich großes freudiges Ereignis, weil ich so viele Menschen in unserer Guten Stube niemals erwarten durfte. Und die Tatsache, mit so vielen Menschen zusammen zu sein, mit ihnen zu sitzen und über mich als Mittelpunkt sprechen zu hören, und von meiner Mutter mit Kaffee und Kuchen bedient zu sehen, war etwas Bedeutendes für mich. Aber gesellig will ich die Jugendweihefeier nicht nennen. Es fehlte ihr das Spontane, das Ungezwungene und es fehlte mein Vater. Die Stelle des Vaters war leer und alle wussten um diesen familiären Missstand. Auf die Frage nach dem Warum glaubte ich mich emotional gefeit und gewappnet für eine Antwort. Tatsächlich aber überwog in mir das Gefühl des Alleinseins. Ich verbarg meine Trauer hinter einem ernsten und verkrampften Auftreten. Und ich tue bis heute vor aller Welt so, als würde mir der Verlust des Vaters nichts ausmachen. Ich glaubte sogar lange Zeit an eine Gefühlsimmunität. Welch ein Irrtum. Als ich während des Scheidungstermins meiner Eltern von der Richterin überraschend aufgefordert wurde, über die Ehe meiner Eltern zu sprechen und meine Meinung über deren Zukunft zu äußern, und ob ich Hoffnung auf eine Heilung der Ehe hätte, blieb es still in dem Raum. Über lange Minuten hinweg suchte ich nach Worten, aber in meinem Körper schien etwas zu wühlen und keinen Gedanken zuzulassen. Ein hohl abfallendes Geräusch machte sich in meinem Kopf breit und meine Stimme versagte. Ich konnte der Scheidungsrichterin nicht antworten. Ich heulte los. Die Richterin an dem flachen Tisch zwischen zwei Beisitzern stellte mir daraufhin Ja/Nein Fragen. Ich bejahte oder verneinte mit Gesten. Ich hörte, wie die Richterin meine stummen Antworten auf das Tonband in ein Rechtsdeutsch übersetzte. Ich vernahm das Diktat, aber die Worte gingen an mir vorbei. Ich konnte nicht mehr denken und wollte nur noch die Kraft haben, stehen zu bleiben. Ich wollte nicht umfallen. Ich, die Großklappe, der schnoddrige Besserwisser, nun ein kläglicher Versager. Hinter mir fühlte ich die schrägen Blicke meiner Mutter und das unbewegliche Gesicht meines Vaters. Die Richterin verlangte endlich nach einer langen Pause in dem mit Sitzen und Tischen verstellten Raum des Gerichtes von mir die Bestätigung ihres Diktates. Ich nickte ihr mechanisch zu nach ihrer merkwürdig behutsam formulierten Frage an mich, ob das von ihr Diktierte stimmen würde. Sie war während der Verhandlung recht ruppig im Ton gewesen. Weshalb benutzte sie nun diese weiche Art mir gegenüber? Die Richterin hieß mich auf meinen Platz zurückgehen. Ich sah im Gehen meine Mutter an. Ich wollte mich an sie schmiegen, etwas in mir verlangte nach ihr aber wir waren in einem Raum des Scheidungsgerichtes und ich erlaubte mir aus Respekt nicht diesem Verlangen nachzugeben. Wenn wir alle und jederzeit unser ganz plötzlich aufblitzendes Verlangen sichtbar machten, was würde dann passieren? Mutter sah mich an. Ich glaube, in ihren Augen lag eine Angst oder eine Unentschlossenheit, als wolle sie nun den Scheidungsantrag noch zurückziehen. Was hatte sie von mir erwartet? Hatte ich erfüllt, worauf sie hoffte? Mutter senkte den Blick. Sie wirkte verschämt. Vater sah in sich hinein und mir schien, als fühle er sich zufrieden.

18:42 11.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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