"Am Röhrgraben" (88)

Romanauszug, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Bis auf jene Jugendweihefeier und meine immer trostloser gewordenen Geburtstagskinderrunden blieb ich Am Röhrgraben erlebnislos, ungeschult und fern gehalten von geselligen Dingen. Renate Erl, die Nachbarin aus der anderen Doppelhaushälfte mit dem kalligrafisch an die Wand gemalten Spruch im Hausflur, versuchte einmal, mit meinen Eltern und noch einem Ehepaar einen geselligen Abend bei uns zu verbringen. Man vereinbarte sich und ich freute mich für meine Eltern und nahm mir vor, von meinem Zimmer aus zu lauschen, wie es gesellig in der Stube zugehen würde. Ich wollte wissen, was Geselligkeit ist. Ich spürte in mir frohe Erwartung. Ich glaubte, meine Eltern haben sich endlich dazu durchgerungen, ihre selbst gewählte Zurückhaltung aufzugeben und sich nicht mehr über die Nachbarn und deren ungezwungenen Hang zu einer fröhlichen Runde zu mokieren. Und sie werden endlich die Geselligkeit selber wollen, werden ein wenig entspannen können und in ihren Gesichtern werde ich Spuren der Freude erblicken, sagte ich mir. Meine Erwartungen stiegen mit jedem Tag, der der Geselligkeit näher kam. Am Morgen des großen Tages bekam ich keinerlei Order für irgendeine Besorgung. Ich bekam keinen Zettel in die Hand mit einer Einkaufsliste, um am Nachmittag nach der Schule Kaffee, Kuchen, Butter, Brötchen, Würstchen, Kartoffelsalat, Senf, Bier, Schnaps, Zigaretten oder dergleichen Dinge einzukaufen. Ich brauchte auch nicht die Stube vorheizen, damit sie nicht zu kalt ist und das zweite Feuer im Kachelofen am Abend mollige Wärme liefern kann. Mir war es recht und ich nahm an, die Eltern würden sich zum tadellosen Gelingen des geselligen Abends vorsorglich um alle die Dinge selber kümmern. Ich richtete mich in meinem Zimmer ein, beschäftigte mich mit den Schulaufgaben und ging meinen jugendlichen Gedanken nach. Vater, der gewöhnlich in der Mittagsschließzeit der Drogerie Wimmler nach Hause kam, rief nicht nach mir und ich bemerkte seine Anwesenheit erst, als sie endete, als er sich kurz vor fünfzehn Uhr wieder auf den Weg zum Nachmittagsdienst begab, gerade die Haustür hinter sich zugezogen hatte und seine Schritte über die Außentreppe zu mir nach oben drangen. Ich sah ihm durch meine Fensterluke nach und bemerkte seinen strammen Schritt. Ich ging mit Neugier und mit Erwartung nach unten, um zu schauen, was Vater für den heutigen geselligen Abend so alles besorgt haben mochte. Aber Vater hatte nichts eingekauft. Er hatte nicht einmal die Stube geheizt. Vater war klammheimlich gekommen und wieder gegangen. Mutter kam halb fünf Uhr vom Dienst nach Hause, stand ein wenig unentschlossen in der Küche, hielt sich mit einer Hand am Tisch fest, schob das rechte Bein vor das linke und ihre Füße standen im rechten Winkel. Sie räusperte sich, gab einen resigniert klingenden Laut von sich und eilte zurück in die Stadt. Inzwischen heizte ich den Kachelofen an, fegte den Teppich mit dem Besen ab und wischte den nie versiegenden Staub von Klavier und Büffet.

Am Abend stand Mutter allein und hilflos herum, rang nach Worten über den abwesenden Hausvater und schämte sich gegenüber der Nachbarin über den mager gedeckten Tisch. Vielleicht verhielt sie sich aber nicht deswegen so kühl wie der Kachelofen gegen die bereits beim Eintritt singenden männlichen Gäste, sondern sie empfand deren Gesang und das scherzende Schifferklavier vor dem Bauch des Mannes mit der glatten scheitellosen Haarfrisur doch zu laut und doch zu vulgär und hielt es deswegen für angebracht, deren Kehlen zu deutlich und zu lange trocken zu halten. Bevor der von mir neu angeheizte Kachelofen seine Wärme abgeben konnte, war unser Zimmer leer und die Gäste samt Akkordeon durch die Pendeltür des Vorbaus aus dem Haus entschwunden.

Vater frohlockte am nächsten Morgen über seinen Streich. Er schwadronierte durch die Wohnung und zog gegen die primitive Feierwütigkeit der Leute zu Felde. Feiern hieß für ihn faulenzen und Geld zum Fenster hinaus werfen. Mutter schwieg und ich glaubte eine stille Übereinkunft mit der Ansicht meines Vaters an ihr zu entdecken. Ich verstand meine Eltern und fand irgendwo in meinen Gedanken über die fehlgeschlagene Geselligkeit etwas Platz, um einen Teil ihrer Ansichten aufzunehmen. Andererseits verstand ich sie aber nicht, wenn sie abfällig über das Feiern als eine grundsätzlich abzulehnende Sache redeten. Geselliges Feiern kann doch angenehm sein, sagte ich zu mir, und Ausgelassenheit mit Bier und Zigaretten machte mich frei, wie in der Sportgemeinschaft.

19:20 13.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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