"Am Röhrgraben" (89)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mir scheint es in der Erwachsenenwelt angebracht zu sein, hin und wieder ein Stoßgebet gen Himmel zu richten, um sich zu schützen gegen Situationen, von denen berichtet und über die geklatscht wird, weil andere Menschen in sie verstrickt sind und in die man selber der Peinlichkeit und der fatalen Rufschädigung wegen nie hineingeraten möchte, und in die man seiner vollsten Überzeugung nach auch nie hineingeraten kann, weil man ja Vernunft geleitet im Leben ist und diese Vernunft einen abhält, von diesen Situationen verführt zu werden bis eben zu jenem Moment, an dem eine solche Situation vor einem den Rock hebt.

Ich glaube, mein Vater hat niemals so etwas gedacht. Vater ist nicht verführbar. Vater bringt eine ihn nie verschleißende Energie auf, sich steif und ungerührt gegen jegliche Änderungen seiner Sitten und Gewohnheiten zu verhalten, gegen profane Begehrlichkeiten resistent zu bleiben. Eine Energie, die nur von wenigen Ausnahmen beeinflusst wurde und die sich dann jeweils auch nur minimal und kurzzeitig verringerte, das Pendel seines Lebens für Außenstehende davon aber nie seinen Gang veränderte. Eine Energie, die ich mit dem Wort erstaunlich bezeichnen muss. Wenn meinem Vater diese erstaunliche und kaum zu erschütternde Energie zur Verfügung stand, um dadurch in seinem täglichen Verhalten konstant zu bleiben, dann ist es jene Unveränderbarkeit an ihm, wofür ich auch noch das Wort prägend anfüge, die ihn in seinem sichtbaren Dasein für andere Menschen so deutlich markiert und fünfundneunzig Prozent seines Daseins ausmacht.

Die verbleibenden fünf Prozent aber sind von großer Wucht und haben unser Familienleben bestimmt und durcheinander geschüttelt. In den verbleibenden fünf Prozent haben vor meinem Vater jene Situationen den Rock hoch gehoben, vor denen, wie gesagt, andere sich mit einem Stoßgebet zu schützen glauben, vor deren Begehrlichkeit sie sich nie falsch entscheiden, sich nie verführt sehen wollen.

Vater hat wohl die Fünf-Prozent-Situationen gerochen, ist instinktiv auf sie zugegangen, um sich darin auf seine Weise zu aalen. Er hat sie geradezu gesucht, erspürt, erhofft, ausgenutzt, genossen. Es sind immer grobe erotische Situationen gewesen, nicht ohne Komik. Aber eigentlich meine ich damit zufällige, unvorhergesehene Gelegenheiten, in denen Vater augenblicklich seinen Glauben beiseite schob, die Moral beschwerten Belehrungen seiner Kinder vergaß, seine Frau belächelte und die Situation als Chance sah, seinen Schwanz zu befriedigen. Und mit fortschreitendem Gelingen erblindete auch sein Verstand und er scheute sich nicht vor einem Ruchbarwerden seines Tuns in der Sangerhäuser Öffentlichkeit. Eigentlich möchte ich erkunden können, wie er nach solchen Situationen mit dem geschändeten Gewissen und vor den Augen der nicht wenigen Eingeweihten sich wieder ins normale Leben einzuordnen verstand. Vater ist wohl nie bewusst geworden, wie ihn das Verstricken in die sexuellen Gelüste demontierte und er nach und nach im großen Verwandtenkreis als Person geringer geschätzt wurde als mancher Dödel in der Stadt. Und in meiner Mutter ist aus der anfänglichen Hingabe und Achtung für ihren Mann, der das Konzentrationslager Buchenwald überstanden hatte, Verachtung und Enttäuschung gewachsen. Von ihrer Liebe ist kein Jota übrig geblieben.

19:28 14.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

utrolle

Autor
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2