"Am Röhrgraben" (90)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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„Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein“ sagte Mutter und hob flehend den Kopf gen Himmel. Wenn sie Gott anrief, waren ihre Waffen gegen meinen Vater wieder einmal stumpf geblieben. Mutter wollte ihren Mann bestraft sehen. Die Hoffnung darauf war wutdurchtränkt. Ihr Anrufen der Bestrafung glich einem Schwur nach Rache und die kam eventuell durch den im Voraus vermuteten Tod.

So denke ich heute über meine Mutter. Damals aber bewegte mich Mutters Flehen nach den trefflich feinen Mühlsteinen nicht. Anders als sonst nahm ich Mutters, den Tod wünschende Gefühlswallungen nicht in mir auf. Ihre Wut war zwar verständlich, aber den Kindesvater einen hässlichen Tod erleiden lassen zu wollen, schien mir mehr ein dramatisch zugespitzter und übersteigerter Endpunkt im quälenden Miteinander zweier Eheleute zu sein, aber nicht der tatsächlich gewünschte rettende Fluchtweg von einer in der Seele mild veranlagten Frau aus dem freudlosen Zusammensein mit dem Mann.

Niemals würde Mutter ihre Rachegedanken vollzogen sehen wollen, sagte ich mir. Ungerührt verbarg ich mein inneres Kichern, wenn Mutter derart in Rage geriet, weil ich ja oft schon erfahren hatte, wie sie letztlich ihre Rolle in der Familie geduldig, ja wie ein Fatum hinnahm. Und an das trefflich feine Strafgericht Gottes war sowieso nicht zu glauben, wohl aber an meine Mutter. Die Gedanken von heute waren mir damals fremd. Ich ahnte nicht, wie ich heute vermute, woraus meine Mutter die tödliche Idee vom Strafgericht konstruiert und in Worte gefasst haben könnte.

Die Anzeichen für ein göttliches Strafgericht nährten sich nicht himmlisch sondern irdisch. Mutter wusste von einer ärztlichen Prognose, entwickelt aus dem jüngsten Röntgenbild vom Brustraum meines Vaters. Am linken Lungenflügel hatte sich eine großflächige Unregelmäßigkeit gezeigt, ein Schatten, wahrscheinlich eine Spätfolge der Tuberkulose aus den Jahren 1949 und 1950. Eine Operation stand ins Haus. Diese Angelegenheit machte selbst meinen bei medizinischen Erfordernissen robust gefassten Vater kleinlaut. Niemals hatte er je wieder mit einer erneuten Erkrankung an der Lunge gerechnet. Er hatte die Krankheit doch ausgespuckt, schon vor vielen Jahren. Wie oft erlebte ich als kleiner Junge an der Hand meines Vaters, wie er heftig keuchend stehen bleiben musste, nach Luft rang und sein Sputum aufs Pflaster der Riestedter Straße klatschte. Damals sprach Mutter nicht vom Strafgericht, sondern von einem Sanatorium in Sülzheim, das ihm helfen sollte.

Jetzt aber fuhr Vater, unsicher über den Ausgang der Operation, mit ziemlich viel Schweigen und kühler Verabschiedung von meiner Mutter mit einem kleinen Köfferchen in der Hand in die Klinik nach Halle-Dölau, in der er mehrere Wochen als Patient zuzubringen vom hiesigen Sangerhäuser Arzt vorbereitet worden war. Mit Vaters Abreisetag endeten Mutters Unkenrufe über ein langsames aber trefflich feines Strafgericht Gottes. Es war ihr wohl doch ein zu vordergründig makabres Interesse, das Gericht weiter anzurufen, wo der Delinquent doch schon zwischen den Mahlsteinen lag. Sie erklärte mir später ihre Situation. Zu ihrem Verhalten sagte sie mir, sie sei der Überzeugung gewesen, Vater würde die Operation nicht überstehen. Und wenn er die Operation überstehen würde, verbliebe ihm danach keine lange Lebenszeit mehr, der Lungenschaden sei, nach von ärztlicher Auskunft, sehr bedenklich und Vaters Aussicht auf Genesung kläglich gering. Sie habe sich im Übrigen auch sagen lassen, lungenkranke Männer seien besonders gierig auf Frauen und Vater war seit längerem, unbemerkt, ja schleichend an der Lunge erkrankt und damit ergäbe sich auch eine mögliche Erklärung für Vaters Verlangen nach erotischer Vielfalt und kopulierender Häufigkeit.

Als Mutter die Nachricht erhielt, Vater hätte die Operation überstanden, fuhr sie am ersten Besuchstag nach Halle-Dölau. Sie kam zurück, still und wortkarg, gab mir ein kurzes uneindeutiges Bild von Vaters Zustand und noch am gleichen Abend schrieb sie einen ihrer langen Briefe an „Meine Lieben in Beeskow“. Zum nächsten Besuchstag fuhr sie nicht mehr in die Klinik. Sie entsandte mich nach Halle-Dölau. Es muss im Frühjahr 1960 gewesen sein. Es sei für sie wichtiger gewesen, so in ihrer späteren Erklärung, sich auf den baldigen Tod des Ehemannes einzustellen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen, als ihn, den Ehebrecher, auf dem Sterbebett noch zu besuchen. Ich gestehe, die Äußerungen meiner Mutter brachten Unordnung in meinen Kopf.

20:11 15.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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