"Am Röhrgraben" (91)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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An Mutters statt machte sich also ein noch nicht Vierzehnjähriger mit verwirrten Gedanken an einem Sonntag in der Frühe nach Halle-Dölau in die Klinik auf, um seinen Vater auf dem Sterbett zu sehen. Mutter hatte zwischenzeitlich keine andere Nachricht am Telefon erhalten als die, man könne über die Heilung nur Unbestimmtes sagen, es könne aber weiter besucht werden. Und daraus schloss meine Mutter, auf dem Bett in Halle-Dölau läge ihr dem Tode geweihter Mann.

Eine beschwerliche Fahrt. Ich fuhr von Sangerhausen mit dem Bummelzug bis Halle und dann unter lauter rauchenden älteren Erwachsenen in einem Bus vom Vorplatz des stinkenden, von den Rauchschwaden der Dampflokomotiven eingehüllten Bahnhofes bis zur Klinik nach Dölau außerhalb der Stadt. Mir kamen das Gelände und auch die Gebäude mickrig vor. Ich traute mich aber nicht hervor aus dem Pulk der Menschen, ich war auch nicht groß genug, um über ihre Schultern zu schauen und musste warten, bis sich irgendwo eine Sichtlücke zwischen den dunklen Mänteln der menschlichen Leiber auftat, und sah einige Koniferen und Holzzäune und Steintreppen und rau verputzte Häuserwände. Ich fühlte mich, wie gerade am Eingang eines großen Ferienlagers angekommen und nun würden gleich die Gruppen eingeteilt und namentlich aufgerufen, wer in welchem Zelt schläft und in dem großen Gebäude dort gäbe es früh die Marmeladenstullen und den täglichen Proviant.

Am Eingang des Geländes zur Klinik entstand immer mehr Gedränge während der Wartezeit und ich vernahm unruhige Wortwechsel. Unmut machte sich allmählich unter den Wartenden breit, da wir bis zum Beginn der Besuchszeit noch etwa eine halbe Stunde herum zu stehen hatten und vorher kein Einlass gewährt wurde. Ich fühlte mich wir vor dem Kino von Sangerhausen. Einige Male durchfuhr Schrecken meine Glieder, weil ich mich als nicht einlassfähig entdeckt glaubte, wenn jemand aus der Menschentraube seinen Blick länger auf mich richtete als nur einen Lidschlag lang. Ich spürte bereits im Leibe, wie man auf einmal über mich herfiel und schrie, so wie vor der Kinokasse bei der Frau Bär geschrien und gejohlt wurde, bevor das Kino geöffnet wurde. Und dann sah ich bereits den Mann da hinten, mit dunkler Schiebermütze, mich anstarren. Er begann seinen Arm zu heben und mit dem Finger auf mich zu zeigen. Mit langem Ausruf, wie bei einer Entdeckung eines Aufrührers, schrie er: Hierher, hierher! Hier ist einer, der darf hier nicht rein, der ist viel zu kleine, nicht mal vierzehn. Was der sich erlaubt. Unter vierzehn ist verboten. Du Rotzbengel, du kriegst gleich eine geschmiert.“

Ich fühlte mich als der Prügelknabe, mit dessen Arsch man sich die Langeweile in der Wartezeit vertreiben wollte und spürte den Fußtritt, mit dem man mich aus der Menschentraube katapultierte.

Nein, nichts dergleichen trat ein. Es wurde nicht so, wie ich befürchtete. Es war meine Angst, die mich erfasste, wie vor dem Kino von Sangerhausen, wenn ich die vielen Menschen vor mir sah. Und ich sah auch das Klo am Zirkuszelt auf dem Anger vor mir, in das ich einst nicht gehen konnte.

Kurz vor Beginn der Besuchszeit tat sich im grau dunklen Pulk der sich stauenden Leiber wieder eine Lücke auf. Ich konnte bis zum biederen, hölzernen Gartenzaun vor dem Klinikgebäude schauen und las endlich jenen Satz, jene unsicher machende Bestimmung, von der mir bereits im Bus von irgendwoher etwas ans Ohr gedrungen war, von ganz weit her und von Köpfen, deren Gesichter sich beim Sprechen auf mich richteten und auch schon wie Geistererscheinungen bereits wieder verschwunden waren, bevor ich alles kapieren konnte, was da geflüstert wurde: Eintritt ab 14 Jahre. Ich fühlte die Beschwernis in mir, das flaue Gefühl, ein Kind zu sein, angreifbar und schutzlos und hier Fehl am Platze. Ich fühlte mich, weil es stimmte, immer noch nicht als Erwachsener angesehen, sondern als jemand für P14 Filme noch nicht alt genug Seienden. Sollte ich den beschwerlichen Weg nach Halle-Dölau zum Sterbebett meines Vaters umsonst gemacht haben?

Ich versteckte mich hinter den Rücken der großen dicken Leute vor mir und schritt mit gesenktem Kopf durch die Pendeltür des Gebäudes immer in Erwartung, man würde mich gleich herausgreifen und mit strengem Blick meinen Personalausweis zur Kontrolle verlangen. Nur nicht den Kopf heben. Nur jetzt nicht Angst haben. Niemandem meine Angst zeigen. Ich habe noch keinen Ausweis, das ist nicht meine Schuld. So wälzte ich mich im Pulk der Leute den Eingang hindurch in das Gebäude.

Auf dem Flur der Klinik wurde ich gewahr, hier ist niemand zum Kontrollieren eingeteilt, hier gibt es keine Lagerwache. Die Besucher hatten sich verteilt. Ich ging den Flur entlang, sah die Zimmernummern und die Schildchen mit den Patientennamen an den Türen. Die Stille auf dem Flur tat mir gut, machte mich wieder selbstbewusster und als ich den Namen meines Vaters auf einer Tür las, öffnete ich sie, trat in das Zimmer und von meiner Angst spürte ich in mir ganz entfernt ein letztes Aufglimmen und dann verlosch sie wie mit einem sanften Lächeln bei einem Abschied für immer. Aber Vaters Bett war leer. Mein Mund blieb offen stehen und ich gaffte auf weiße Bettbezüge.

19:59 18.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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