"Am Röhrgraben" (92)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Hatte ich gesagt, Mutter fand Humor in der Dramatik?

Mutter muss sich innerhalb einer Körperdrehung am Küchentisch auf die alten zermürbenden Eheverhältnisse zurück gestellt haben, als ich, vom Krankenbesuch in Halle-Dölau am Abend heim kam, ihr berichtete, und von Vaters leerem Bett erzählte, und wie er im Trainingsanzug auf der Terrasse gestanden hat und überhaupt nicht aussah wie ein dem Tod Geweihter, nur etwas matt und langsam in seinen Bewegungen wegen des Wundschmerzes. Mutters Gesicht hellte sich auf und ein flüchtiges Staunen huschte darüber hinweg, bevor ihre weiße Haut im Gesicht wieder fahl wurde und sie sich mit der linken Hand die Mundwinkel abwischte. „Da ist er also doch wieder flott“, hörte ich sie murmeln.

Was mag in meiner Mutter in diesem Augenblick vorgegangen sein, als sie sich vergegenwärtigen musste, die trefflich feinen Mahlsteine Gottes hatten sich nicht bewegt? Sie wird sich gesagt haben, nun müsse sie doch mehr Geduld aufbringen als erwartet und im Ehetrott noch eine Weile hinvegetieren. Galt ihr flüchtiges Staunen diesem unerwartet aufgetauchten Gedanken?

Dieses flüchtige Staunen war auch nicht die Umkehrung ihrer Enttäuschung. Vielleicht war es ihre ironische Selbstentschuldigung dafür, dass sie mit gewagten Gedanken an den baldigen Tod des Ehemannes jeden Morgen aufgestanden war und das Tagwerk verrichtete und mit der nahen Zukunft ein wenig in die falsche Richtung spekuliert hatte.

Nein, auch so wird Mutter nicht gedacht haben. Vielleicht hatte sie doch nicht fest an den nahen Tod meines Vaters geglaubt, sondern ihn nur so im Stillen sich selber daher gesagt und mir gegenüber ihre viele Arbeit und ihre Erschöpfung vorgeschoben, um nicht einen ganzen Sonntag auf einer anstrengenden Reise unterwegs sein zu müssen, um den ungeliebten Ehemann zu besuchen. Ich wäre doch ein ebenbürtiger Besucher und Vater würde sich genauso freuen über seinen großen Sohn wie über die Ehefrau, wird sie sich die Argumente zurecht gelegt haben, um mich für den Besuch in Halle-Dölau zu motivieren, um mich nicht missmutig gestimmt auf die Reise schicken zu müssen. Oder war sich Mutter des baldigen Ablebens ihres Ehemannes sicher, nur eben jetzt war dieser Fall noch nicht reif und die Zeit bis zur Reife werde sie schon überstehen? Aber jetzt und ein wenig unverhofft musste Mutter erst einmal wieder in die Enge der Ehegemeinschaft zurück und die kleinen Knöpfe an Vaters Hemden wieder annähen. Augen zu und durch.

In Halle-Dölau stand also kein Sterbebett. Nur ein kahles Zimmer mit einfachen Gardinen und mehreren Betten und zwei Türen fand ich vor. Vater beobachtete von der Terrasse aus das Zimmer, wollte sehen, wer eintreten würde, bevor er gesehen wurde. So konnte er, falls der Besuchende ein unerwarteter, ein überraschender sein würde, sich auch mit einem aus dem räumlichen Abstand ergebenden zeitlichen Vorteil unentdeckt auf den Besuch einstellen. Dafür reichte ihm ein kurzer Augenblick, ein tiefer Atemzug.

Von meinem Besuch schien Vater überrascht und erfreut zugleich. Aber er blieb eine ganze Weile unruhig, sah sich immer wieder um, wohl in dem Glauben, Mutter wäre auch mitgekommen, halte sich aber versteckt, um Vater suchen zu lassen, wie einst, als sie das lustige Versteckspielen beide gerne taten, und sie noch jung und ineinander verliebt waren. Vater pfiff sogar einige Male, wie er als junger Mann nach seiner jungen und begehrten Kümmel gepfiffen hatte. Aber das gekoste Mädchen Kümmel huschte aus keiner Ecke, kam hinter keinem Baum hervor und keiner herzte und küsste den Hermann.

Vaters Lunge war halbiert worden. Er kam mit einer riesigen Narbe an der linken Seite des Brustkorbes zur Familie zurück nach Sangerhausen. Und er brachte neben der halben Lunge auch ein neues Drama mit.

Vater wäre nicht mein Vater, wenn er in Halle-Dölau während der vierwöchigen Klinikzeit nicht doch geherzt und geküsst hätte. Während Mutter aufgehört hatte, das göttliche Strafgericht zu wünschen, buhlte mein Vater mit halbierter Lunge aber doppelt entfalteter Phantasie um eine ledige schlanke Krankenschwester. Wir Daheimgebliebenen sollten davon bald erfahren. Wie sprach Mutter über die Liebesbedürfnisse von Lungenkranken?

17:03 22.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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