"Am Röhrgraben" (93)

Romanauszüge, Ein Junge in derZeit zwischen 1950 und 1966
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Vater schien die ledige Krankenschwester erfolgreich bezirzt zu haben und beschenkte sie nach seiner Rückkehr von Sangerhausen aus mit Paketen. Er schrieb ihr eines Tages einen schmachtenden Brief und versprach, mit ihr ein neues Leben beginnen zu wollen. Der Brief enthielt Worte, die ich meinem Vater nie und nimmer zugetraut hatte. Aber die Worte standen geschrieben, ich hielt den Zettel mit Vaters Zeilen in meinen Händen, ich habe sie gelesen. Es war wie in einer Posse, Romeo und Julia in Halle-Dölau. War die Krankenschwester die Rache meines Vaters an meiner Mutter? Rache, weil sie ihn nicht besucht, sondern mich nach Halle-Dölau geschickt hatte in die Klink, in das Krankenzimmer, von dem sie glaubte, es wird sein Sterbezimmer? Ein Sterbezimmer mit Terrasse und schlichten Gardinen. Unfug. Vater wird nicht an Rache gedacht haben. Er wird die Trennung in Halle-Dölau geplant und vorbereitet haben.

Zu meiner Verwunderung erlebte ich in den ersten Wochen nach Vaters Operation keine Auseinandersetzungen zwischen meinen Eltern. Streit wird mein Vater auch nicht gebraucht haben, sondern Geduld, um auf einen geeigneten Zeitpunkt zu warten, meiner Mutter gegenüber den Vorschlag für eine Trennung durchsetzen zu können.

Aber Mutter musste Wind davon bekommen haben. Sie sagte mir später, sie habe hinter Vaters gezügeltem Verhalten eine Absicht erahnt. Und sie stellte Vater zur Rede, konfrontierte ihn mit den Unterhaltskosten für seine Kinder, falls er sich von seiner Familie abwenden wolle. Mutter kannte die empfindliche Stelle an ihrem Mann und kalkulierte, mit den finanziellen Kosten vor Augen wird Vater zur Besinnung kommen.

Warum ging Mutter diesen Weg, wo sie Vater doch loswerden wollte?

Wer kennt sich in meiner Mutter aus?

Mutter schlug vor, Vater solle die neue Angebetete Am Röhrgraben zeigen und dann das Urteil seiner Kinder hören, zu welcher von den Frauen sie sich hingezogen fühlen, und ob sie bei der Mutter bleiben würden, wenn eine Trennung erfolgen soll. Nach dem Urteil der Kinder soll Vater dann für sich selbst über den Fortgang der Ehe befinden.

Vater ging auf den Vorschlag ein und die ledige Krankenschwester kam zum Haus Am Röhrgraben. Nach einigen Momenten des Betrachtens der Neuen ging ich enttäuscht von ihrem Äußeren aus der Stube in meinen Nachmittag, uninteressiert am Fortgang des Besuches und der Gespräche, von denen ich ohnehin ausgeschlossen worden wäre durch meine Mutter, vielleicht mit einer Ausrede, ich soll doch zum Kiosk gehen und noch zwei Flaschen Brause besorgen, der Beutel mit den leeren Flaschen hinge schon am Haken. Meine Enttäuschung war eine emotionale Verdrehung.

Ich war enttäuscht, weil die Neue besser aussah als meine Mutter und weil mir bewusst wurde, meine Mutter würde nie so aussehen wie die Neue.

Die Neue hatte ein hübsches Kleid an. Es war in der Grundfarbe rot und um die Taille zierte sie ein schmaler Gürtel. Das Kleid hätte ich meiner Mutter gewünscht und auch die Frisur, die gewaschenen und gefönten Haare. Nur die große Nase der Neuen verlor gegen die kleine hübsche Nase meiner Mutter.

Tage später, ich war zur Verabschiedung der Neuen nicht zugegen gewesen und weiß nicht, worüber man sprach und was sie miteinander verabredeten, kam ein Brief. Er war für meine Mutter bestimmt, an sie adressiert. Den Brief schrieb nicht die Neue, nicht die ledige, adrette Krankenschwester, sondern deren Mutter. Sie schrieb, ihre Tochter wird sich nicht in die Ehe mit Hermann drängen und das Verhältnis mit meinem Vater sei damit zu Ende und unter dem Text stand ihre Unterschrift, nicht die Unterschrift der Neuen.

17:40 27.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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