"Am Röhrgraben" (Schluss)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Der plötzliche Wandel erzeugte Skepsis in mir und ich suchte nach den realen Gründen für meine plötzliche Verwandlung. War ich zermürbt von den Prügeln im Traum, hatte ich mich aufgegeben und eingesehen, mein Einsiedlerdasein ist nutzlos und lächerlich?

Ich begann mich selbstkritisch zu beäugen, so wie ich seinerzeit die Worte von dem Otto Mensgut kritisch beäugt hatte. Ich beäugte mich und sah ein unfertiges dummes Jüngelchen mit Flaum auf der Oberlippe und Halbheiten im Kopf, der alle Welt um sich herum für erfolglose, spießerhafte Tölpel hielt. Konnte ich solch einen analytischen Blick überhaupt schon haben? Gewiss, den Impuls dazu gaben die Worte meiner Mutter über mich und ich brauchte mich dem Sinn nur anzuschließen und zu denken. Ein Teil ihrer Ansichten kroch zu mir herüber, wirkte wie eine Infektion und vermengte sich mit meinen Ansichten. Was nutzen Mundschutz und Händewaschen. Die Ohren konnte ich mir nicht zustöpseln, auch wenn ich mich gegen Mutters Worte empörte und auf sie maulend und verärgert reagierte. Unmerklich schlich sich in mir ein Schuldgefühl ein. Es war mir noch nie in den Sinn gekommen, in meiner Mutter ein fühlendes Wesen zu sehen, mit Sorgen und Freuden, mit Ängsten und Befriedigung. Wenn ich mich nach meinem Arbeitstag ermüdet in mein Zimmer zurück zog und mich abschottete, konnte meine Mutter doch auch einmal keine Kraft und keine Geduld mehr haben, meine Wäsche zu waschen und Essen mehr für mich zu bereiten. Mutter konnte doch einmal soweit geraten, mich aufzugeben... Das wurde mir eine grausame Vorstellung.

Ich sehe ihr verbittertes, verkümmertes Lächeln vor mir. Und mir fällt auf, dass sie mit niemandem ihre Sorgen teilen kann und über mich, ihren mürrischen und zu oft schlecht gelaunten Sohn, ein paar erleichternde Gedanken in sich aufnehmen kann. Vielleicht hat Mutter erreicht, dass ich beginne, sie zu verstehen. Aber ich will mich selbst verstehen können. Ich will nicht mehr das Gefühl haben, dumpf zu vegetieren und auf ein Wunder hoffen. Ich will aber auch nicht in Sangerhausen bleiben und Am Röhrgraben verkümmern. Aber auch über meine Bücher will ich im Leben sein. Dieses Knäuel aus Selbstzweifeln und Schuldgefühlen könnte der Anfang gewesen sein, allem Bisherigen, allen Illusionen und Hoffnungen, allen meinen Jugendwünschen hier Am Röhrgraben zu entsagen.

Das ist der Sinn, den meine innere Stimme zu verstehen mich anmahnte und aufforderte, meinen Träumen abzuschwören und mich einzurichten, worauf meine Mutter hoffte: auf einen die Mutter achtenden Sohn und treuen Ehemann, auf einen seine Kinder wohl erziehenden Vater mit einem Arbeitsplatz in Sangerhausen.

Der Einfluss meiner Mutter auf meine Gemütsstimmung ist groß. Ich frage mich plötzlich, wie lange dauert eigentlich die Jugendzeit. Und mir ist, als wäre die Antwort nach dem Ende der Jugend ganz einfach und ich brauche nur die Tür meines Kinderzimmers aufmachen und den Weg Richtung Bahnhof einschlagen. Die Reisetasche für Dresden ist gepackt.

„Hast Du das Formelbuch für Dresden eingepackt? Es ist so teuer gewesen. Konntest Du Dir das nicht in Dresden ausleihen?“

Meine Mutter steht auf einmal in meinem Zimmer und drängt und zeigt auf die Uhr. Ich habe ihr Kommen nicht bemerkt.

„Ja, das Tabellenbuch ist in der Tasche. Ich habe es nicht vergessen.“

Und ich gehe mit meiner Mutter die Treppe hinab in den Flur und ziehe den Mantel über. Mir ist, als stünde ich wieder am Anfang. Aber mir ist nicht wie vor einer Stunde. Ich fühle mich erleichtert. Ich kann mich jetzt von meiner Mutter verabschieden. Ich kann jetzt zum Bahnhof gehen und die Fahrkarte nach Dresden lösen. Mein Verstand hat mit Dresden Frieden geschlossen, und sich auf die Zeit in dieser Stadt eingelassen. Aber es bleibt ein Gefühl, Wohl oder Übel entschieden zu haben. Ich vermisse meine innere Stimme. Sie hat sich nicht mehr eingemischt. Ist mein Denken eins geworden mit meinem Sollen? Meine Seele ist ausgegangen und hat nicht hinterlassen, wann sie wieder zurückkommt. Wer also wird die Fahrkarte lösen und auf dem Bahnsteig warten bis der eingefahrene Zug still steht? Wer wird die Waggontür öffnen und die Reisetasche tragen im Halbdunkel der Deckenbeleuchtung? Welcher Teil von mir wird Platz nehmen in dem Zug nach Dresden? Wird er zufrieden sein und sogleich nach bekannten Gesichtern Ausschau halten? Es ist Anreisezeit für das Herbstsemester.

Auf der Strecke nach Halle musste der Zug anhalten und warten, bis der Gegenzug aus Halle vorbei fuhr. Ich kannte solchen Halt auf freier Strecke, hatte das Warten auf den Gegenzug schon etliche Male erlebt. Meistens ließ jemand dann das Fenster herunter und ich konnte auf die Felder schauen und das zarte Gezwitscher der unsichtbaren Lerchen im Himmelsblau hören, aber erst nach einer Weile, wenn das Quietschen der Bremsen endlich verstummte. Doch diesmal lag die Nacht bereits über der Weite und die Dunkelheit drückte von allen Seiten in das Abteil. Der Gegenzug rauschte und hinterließ ein lustiges Bild vorbeiflitzender gelb leuchtender Abteilfenster, wie beim Abspann eines Films im Kino. Ein bisschen wünschte ich mir, im Gegenzug zu sitzen und zurück zu fahren. In Halle musste ich warten bis nach Mitternacht. Ich tat es in der Mitropa unten in der Bahnhofshalle. Der Eilzug dann nach Dresden brauchte fünf Stunden. Mir kam es vor, als dauere die Fahrt fünf Tage. Dresden empfing mich müde und immer noch zerbombt. Die Morgendämmerung zog auf. Wieder wartete ich in einer engen, dunstigen Mitropa-Gaststätte unter vielen Leuten bis es Tag wurde. Ich schrieb auf, was ich dort sah. Nach zwei Stunden ging ich von dort weg, lief die Straße hinauf zur Uni. Die schwere Tasche mit dem Tabellenbuch zog an meinem Arm.

12:12 11.10.2012
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Geschrieben von

utrolle

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