"Am Röhrgraben" (79)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Mischas Stiefvater holte sich sein Bier meistens vom „Herrenkrug“ und trug den Kasten auf seinen Schultern mit ausladenden Schritten an der Tür von Paul Helm vorbei nach Hause in die Stube vor den Fernseher. Paul Helm ist der dicke Vorarbeiter von den Elektrikern in der Maschinenfabrik, der meinem Vater vor etlichen Jahren den elektrischen Strom und den Mast besorgte, damit wir endlich Licht im neuen Haus bekamen. Paul Helm tritt selbstsicher auf und wenn ihm danach war, rief er wie ein Löwe über drei Blöcke hinweg nach seinen Kindern und scheuchte sie nach Hause. Jetzt sind die Gärten hinter den Blöcken zugewachsen und auch Pauls Kinder sind groß, da ist sein lauter Ruf nur noch etwas Angeberei, was aber auch zu ihm passt. Paul Helm jedenfalls lästerte grob über Mischas Stiefvater, als der mit dem Kasten Bier auf den Schultern an dessen Haustür vorbei schritt. Der Stiefvater blieb stehen. Sein Gesicht färbte sich ein wenig rot, dann drehte er sich seitwärts, ruckte den Kasten noch mal fest auf der Schulter zurecht, in dem er von unten aus den Knien heraus seinem Körper einen Stoß versetzte, dass die Flaschen klirrten, und grölte gepfefferte Worte über Pauls dicken Elektrikerwanst zurück. Paul Helm zuckte wie vom Blitz getroffen und kam mit erhobenen Armen auf den Bierkasten zu. Der Stiefvater packte den Kasten mit dem Mammut-Bräu am Metallbügel, hob ihn behände von seiner Schulter herunter und schob ihn mit dem linken Fuß noch schnell an die sichere Seite des Gehweges. Da war Paul schon am Ausholen,. U und es klatsche ein paar Mal Fleisch auf Fleisch. Ich weiß nicht mehr, wer da wen vverdrosch drei Meter vor meinen Jungenaugen. Die Männer fuchtelten mit ihren Armen und versuchten sich immer ins Gesicht zu schlagen, bis sie keuchend von einander abließen und sich wortreich, den anderen beschimpfend, zurückzogen. Mir kam es vor, als hätten die beiden die halbherzige Schlägerei gar nicht gewollt und als schämten sie sich vor mir und fühlten sich ihrer Würde als Väter entkleidet. Wenn wir Kinder uns prügelten kam immer einer in den Schwitzkasten und die Sache war geregelt. Die beiden schnaubenden Väter aber blieben stehen in ihrem Kampf. Ich glaube, wenn einer am Boden gelegen hätte, wäre die Schmach unauslöschbar gewesen. So etwas wollten sie sich wohl doch nicht zufügen.

Mischas Stiefvater ist ein kräftiger Kerl, schon weißhaarig inzwischen, wortkarg aber kein Säufer. Manchmal ertränkte er irgendetwas in seiner Seele, erzählte mir Mischa. Der Mann besoff sich, kotzte auf der Terrasse alles wieder aus, kroch dann die Haustreppe hinauf in sein Bett und verschlief die Nacht und den ganzen Sonntag wie in einer Ohnmacht. Vielleicht ist es diese familiäre Erfahrung, die Mischa vom Alkohol abgehalten hat, zeitlich gesehen und zumindest so lange, wie wir mit unseren Fahrrädern gemeinsam zu Schule fuhren.

Von meinem Vater habe ich eine ganz andere Erfahrung. Mein Vater war vorbildlich. Ich sah ihn nie betrunken, niemals rauchend. Aber Erfahrung ist auch eine Sache der Ratio. Die fehlte mir mitunter und so habe ich das Saufen und Rauchen schon hin und wieder in meiner Oberschulzeit ausprobiert. Ich wollte es ausprobieren, ich bin nicht dazu überredet worden und habe es auch nicht aus Opposition zu meinem Vater getan. Es sind Momente der Schwäche gewesen, wo ich ein Starker sein wollte.

20:30 23.06.2012
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Geschrieben von

utrolle

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