"Am Röhrgraben" (80)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1952 und 1966
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Wenige Tage nachdem meine Mutter mir den Mischa gezeigt und zu mir gesagt hatte, der Junge dort wird auch auf die Oberschule gehen, verabredeten wir uns das erste Mal und ganz mit ernster Miene als zwei gleiche. Bei jedem anderen wäre ich vielleicht unruhig oder sogar unlustig auf dem Weg zur Verabredung geworden. Eben noch Kind beim Fußball auf der Straße, und nun auf einmal Oberschüler. Welche Welt hatte ich verlassen, wenn statt der stummen Blicke zwischen Mischa und mir nun auf einmal Worte gesetzt wurden? Wir beide gehörten zu den Wenigen unserer jeweiligen Klassen, denen der Zugang zur EOS gewährt wurde. Wir fühlten das als Auszeichnung, als etwas Besonderes und sprachen darüber laut und jeder gab seinen Stolz kund. Wir waren zwei Ausgesuchte in dem Kinderhaufen der Straße, hatten uns im Stadtbad verabredet wie zu einem geheimen Treffen. Es war mir, als würde ich zu einem Vertrauten kommen, als ob wir uns schon immer verabredet hätten, als sei es eine unter vielen Verabredungen. Und doch war es das erste Mal. Ich ging zur Verabredung mit einem Gefühl, als hätte ich soeben die Kleider meiner Kinderjahre abgelegt und schritte nun zu einem Gefährten und ginge mit ihm gemeinsam durch das große Tor hindurch in ein neues Leben. Gefühl und Wirklichkeit sind zwei unterschiedliche Größen. Erstere kann täuschen. Aber wie belebend ist so ein Gefühl, wenn man den Beginn einer neuen Welt vor Augen zu haben glaubt.

Mischa war schon da, als ich ins Stadtbad kam. Wir lagerten auf seiner Decke und streckten die Glieder in die gleißende Nachmittagssonne. Alles was nun kommen sollte, würden wir leicht bewältigen und wir würden Spaß an unserem Leben auf der Oberschule haben. Und in unserer Freude sahen wir keine schwierigen Hürden vor uns und die kommenden Jahre würden wohl ganz frohe Jugendjahre werden. Mir ist diese wohltuende Übereinstimmung mit Mischa auf der Decke unter dem Blau des heißen Himmels sehr lebhaft in meinen Gedanken geblieben.

Ein paar Meter von uns entfernt sonnte sich ein Mädchen. Es erhob sich plötzlich, kam auf uns zu und setzte sich ungeniert auf die Decke. Ihre Augen blitzten. Sie habe gehört, sagte sie, wie wir lustig und lachend waren, und sie würde auch ab September auf die EOS gehen und da wären wir ja also hier zu dritt. Ich fühlte mich gestört. Mischa lächelte in die Luft. Das Mädchen lebte im Nachbarort Riestedt. Ihren Namen habe ich vergessen. Sie fragte auch nach unseren Namen und wollte wissen, ob wir auf den naturwissenschaftlichen oder sprachlichen Zweig der EOS gehen, welche Zensuren auf unseren Zeugnissen stehen würden, und wer von uns Zeichnen als Lieblingsfach habe.

Ich wollte antworten und sah Mischa unschlüssig an. Mir fiel auf, wie schlank das Mädchen war, aber mir gefiel nicht, wie sie mit uns sprach, wie sie uns zu ihren Kumpels machte. Dass ein Mädchen uns ansprach, kam unverhofft. Ein Mädchen schubste man weg, wenn sie nicht willkommen war. Das habe ich auf dem Schulhof der Ernst-Thälmann-Schule immer so gemacht. Aber jetzt auf der EOS macht man vielleicht so etwas nicht mehr. Ich war ziemlich verdaddert und dachte mir, das Mädchen wolle uns nur ausfragen. Ich sah wieder zu Mischa und im gleichen Augenblick stellte das Mädchen erneut die Frage, auf welchen Zweig der Schule wir gehen würden. Da schien auch Mischa genervt und hielt sich nicht mehr zurück und ranzte: „Auf den dicken Zweig.“

Das Mädchen schaute enttäuscht. Sie sprang so schnell auf, wie sie gekommen war, nahm ihre Sachen und eilte in die Umkleidekabine. Ich habe sie später auf der Schule nicht gesehen. Ich habe sie vielleicht nicht mehr erkannt. Sommerferien verändern vieles. Und vielleicht legte das Mädchen nach den Sommerferien auch gar keinen Wert mehr darauf, die unfreundlichen Knabenjungen mit den viel zu weiten Badehosen anzusprechen. Und so werde ich wohl eine ganze Zeit an ihr vorbei gegangen sein im Schulhaus der Erweiterten Oberschule, ohne zu wissen, welche es war auf der Decke mit ihren Fragen. Dort diese, oder dort jene unter den vielen Mädchen? Mischa und ich hatten auch nicht nach ihrer Wahl gefragt, so wie sie uns gefragt hatte. Wir verscheuchten das Mädchen und lachten und fühlten uns im Recht. Wir waren unerfahrene, kleine Jungen von vierzehn Jahren in den großen Ferien und wollten unter uns bleiben auf der Decke. Und mit Mädchen gibt man sich doch nicht ab. Nach den großen Ferien sprachen wir nicht mehr darüber.

Und ich? Ich werde die kleine Episode unter der Sommersonne verdrängt haben und später, in der elften oder zwölften Klasse, werde ich das Mädchen vielleicht sogar auf irgendeinem Schülerball geknutscht haben und sie hat dabei in sich hinein gelächelt.

Als das Mädchen verschwunden war, Mischa und ich etwas ratlos auf der Decke saßen ohne zu wissen, woher das komische Gefühl der Ratlosigkeit kam, und jeder darüber in sich hinein grübelte, und die Bruchstücke seiner Empfindung zusammen bringen wollte, die sich da vom Nacken her breit machten, und der Kopf endlich aber schüchtern signalisierte, wir sollten das wieder gutmachen nach den Ferien, da sagte Mischa also, und er sagte es so, als wolle er eine Entschuldigung für die Abweisung des Mädchens finden, sagte es mit einem Lächeln: „Was fragt diese Ziege auch nach dem Zweig.“

Sensibel ist der Mischa also nicht. An dieser Aussage festzuhalten wäre einseitig. Ich kann nicht so über Mischa urteilen, als würde ich eine nüchterne Beurteilung für den Schüler Peter Michael Langner abgeben müssen. Auch war ich war nicht in seiner Klasse, ich war in der Parallelklasse, in der B1 des naturwissenschaftlichen Zweiges der EOS von Sangerhausen und Mischa war in der A. In der A hat ein anderer nüchterne Beurteilungen geschrieben. In einer FDJ-Versammlung haben wir uns einmal an nüchternen Beurteilungen versucht. Dabei ist kein solcher Satz wie der eben als einseitig erklärte nieder geschrieben worden. Dabei ist vielleicht ein Satz anderer Art oder sind sogar mehrere Sätze anderer Art über Mischa entstanden, die gelautet haben mögen: Peter Langner ist hilfsbereit. Er verfolgt seine Ziele hartnäckig. Er vertritt den Standpunkt der Arbeiterklasse. Aber was will man mit solchen Sätzen anfangen? Was hilft es, den Standpunkt der Arbeiterklasse zu haben, wenn es darum geht, einem Mädchen den Standpunkt klar zu machen, dass ihre Fragen auf einer Decke in der Sonne, im Stadtbad von Sangerhausen, zwei Jungen überfordern, die soeben begonnen haben sich anzufreunden und angesteckt sind von einer übermütig tanzenden Lust, sich in eine Welt hinein zu spinnen, die noch den Geruch von Tom Sawyer und Huckleberry Finn an sich hat. In dieser Welt ist ein Mädchen immer nur eine Ziege.

Drei Jahre später aber, in der elften Klasse, wäre das Mädchen an gleicher Stelle unter der warmen Sonne im Stadtbad von Sangerhausen zwischen den beiden Jungen gelegen und sie alle drei hätten sich über die revolutionäre Rolle des Proletariats ereifert und auch über den unverständlichen Hölderlin: „…Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser…“ Einer von den beiden Jungen hätte dabei vielleicht hartnäckig das Ziel verfolgt, mit Hölderlins Fragen unter den Bikini des Mädchens zu gelangen. Vom Standpunkt der Arbeiterklasse her gesehen ein durchaus materialistisches Anliegen[U1]

[U1]23.6.12

20:45 23.06.2012
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Geschrieben von

utrolle

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