"Am Röhrgraben" (81)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Vor zwei Wochen brachte der Postbote ein Schreiben von der Uni. Darin empfahl mir die Fakultät unter anderem und als erstes Buch, die Ausgabe „Bautechnische Berechnungstafeln für Ingenieure“ zu kaufen, ein Konvolut von Zahlen aus dem Verlagshaus Teubner. Es erinnert mich an den Mathematikunterricht der vergangenen Jahre auf der Erweiterten Oberschule, in dem wir gelegentlich das Tabellenbuch „Vierstellige Logarithmen“ vom Verlag Volk und Wissen zur Berechnung von Textaufgaben benutzten. Dieses kleine Tabellenbuch ließ mich stets ermatten und ins Leere starren, wenn ich es in die Hand nehmen musste. Und nun sollte ich mir ein noch dickeres Tabellenbuch zulegen. Mir war nicht wohl beim Kauf. Etwas ging von dem Buche aus, das mich erschauern ließ, wie das ferne Grollen eines schweren Gewitters, vor dem man sich zu fürchten beginnt, obwohl es noch weit weg ist und noch über den Bergen des Harzes wütet, man aber den Sturm und den peitschenden Regen herüberkommen sieht in den schwarzen Wolken, die sich von einem Moment auf den anderen auf die Sonne stürzen und sie gierig verschlingen. Als ich das neue Tabellenbuch griffbereit in mein Regal stellte, sah es als Buch neben meinen Büchern so anders aus. Und bei jedem Blick auf den Einband merkte ich, wie meine innere Stimme mich bedauerte und die Stimme wie Kassandra meinen Untergang in Dresden voraussagte. Kassandra ließ mich an diesem Buch spüren, alles was jetzt kommt und mir widerfährt, ist nicht mehr meine Sache, es wird Göttersache werden. Und wie Götter befinden, ist immer ungewiss.

Aber was ist eigentlich meine Sache und welche wird Göttersache werden? Ich habe darauf keine Antwort, ich weiß es nicht. Kassandra wird es wissen, aber man soll ihr ja nicht glauben. Ich habe die Kassandra ganz unten in meine Reisetasche gepackt, damit die Götter ihr nichts einflüstern können.

Und in der Kneipe von Richard Hermann antwortete ich dem Mischa auf seine Frage nach meiner Gewissheit, ich will in Dresden studieren und dann heiraten und irgendwann, gewiss irgendwann, zu meinen Büchern zurück kommen und dann ein eigenes Buch schreiben, worauf er sich gewiss verlassen kann. Ich trank noch ein Bier auf meine Gewissheit, kramte Geld aus meiner Hosentasche, bezahlte die Rechnung am Tisch und trottete nach Hause. Unterwegs schloss ich manchmal die Augen und ging wie im Traum sicher meinen Weg, als wollte ich irgendwann einmal zu mir sagen können, in Sangerhausen fühle ich mich immer geborgen und dort bin ich selbst bei geschlossenen Augen nicht gestolpert. Die andere Wahrheit aber ist, ich bin aus Müdigkeit von der Kneipe ein Stück meines Weges mit geschlossenen Augen nach Hause gewankt. Ich hatte am Kneipentisch den Mund zu voll genommen, ich merkte es bald, und ich kam mir elend vor und unehrlich mir selbst gegenüber. Ich fühlte, als hätte ich einen starken Kerl markiert, der in Wirklichkeit aber verzagt vor seiner Zukunft steht. Ein wenig versagten mir die Beine und ich wurde schlapp. Wieder und wieder fielen mir die Augen zu und als ich endlich zu Hause in meinem Zimmer auf dem Bett lag, fragte ich mich, ob mein Träumen und mein Sehnen über all die Jahre hinweg nach dem Erwachsenwerden sich nun endlich erfüllt habe, und ob die Erwachsenenwelt bei anderen auch so beginnt wie bei mir, mit den Fragen des Freundes am Biertisch nach meinen Gewissheiten.

19:09 25.06.2012
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Geschrieben von

utrolle

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