"Am Röhrgraben" (82)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Wenn ich mit geschlossenen Augen an mein Erwachsenwerden denke, will ich mir vielleicht auch etwas wegwünschen. Ich will etwas verdrängen, etwas Beschämendes verdecken und zum Geheimnis machen.

Welches Geschehen soll ein Geheimnis bleiben?

Welche Tat soll in den tiefen Spalten zwischen den langen, wilden, trunkenen Jahren der Jugend versteckt bleiben, um im Erwachsenenalter dann vergessen zu werden? Je schneller ich erwachsen werde, umso weniger Geheimnisse verraten sich und bleiben für immer unentdeckt, wie der Goldschatz der Dakota in der dunklen Höhle der Black Hills.

Die Frau Bähr an der Kasse des Kinos allein kann mich nicht in die Sehnsucht nach dem Erwachsenwerden getrieben haben. Die Kinderjacke beim Weg in einen P16-Film schon eher. Die Kinderjacke weckte in mir schon deutlicher den Wunsch, endlich erwachsen zu werden und endlich heraus zu kommen aus dem textilen Gebrauchtwarenvorrat meiner Mutter. Aber vielleicht wollte ich vor allem vergessen machen, wie ich meinem Bruder heftig auf den Arm schlug, den er im Schlaf aus dem Bett baumeln ließ und ich ihm beinahe das Ellbogengelenk dadurch zertrümmerte. Vielleicht will ich vergessen machen, wie ich meiner Großmutter 25 Deutsche Mark aus der Ladenkasse stahl und mich zu Hause brüstete, das Geld bei der Rückfahrt mit dem Fahrrad von Brücken bei einer Pause am Sachsgraben gefunden zu haben und es mit einem Robin-Hood-Gefühl der Haushaltskasse meiner Eltern übereignete.

Vielleicht will ich vergessen machen, wie ich als Achtjähriger auf dem Jahrmarkt von Sangerhausen für dreißig Pfennige, die mir Vater zubilligte, um einmal auf einem Karussell zu gondeln und dann schleunigst wieder nach Hause zu kommen, wie ich mit diesen dreißig Pfennigen mich nicht in den sinnlosen Trudel eines Karussells stürzte, sondern dafür meiner Mutter ein Paar Strumpfhalter kaufen wollte, damit sie früh morgens beim Anziehen, wie so oft und zu meinem Unverständnis, nicht danach suchen und jammern musste, weil sie fürchtete, zu spät zur Arbeit zu kommen, wenn sie weiter suchen müsste. Ich will vergessen machen, wie ich an dem mit Zeltbahnen gegen den Regen geschützten Verkaufsstand des Kurzwarenhändlers über meine Absicht, Strumpfhalter für Mutter zu kaufen und die drei Groschen dafür vorzeigte, schallend ausgelacht wurde, ich mich schämend abwandte und nach Hause schlich und hoffte, weder die Scham noch die Kaufabsicht würden jemals bis zu meinen Eltern gelangen.

Vielleicht will ich vergessen machen, wie ich bei einer Zirkusveranstaltung auf dem Anger mir in die Hosen schiss, weil ich mich nicht in die Menschenmenge einzureihen getraute, die vor dem Klowagen dicht aufgestaut wartete, und ich statt dessen mit vollen Hosen drei Kilometer bis hinter die Stadt, bis hinter die Dicke Linde zu unserer damaligen Wohnung nahe dem Stadtbad von Sangerhausen lief.

Ich lief nach Hause, lief verkrampft, lief breitbeinig weg vom Zirkusplatz, lief die Alte Promenade hinauf bis zur Tennstedt, querte herüber auf die Bergstraße und betrat dort feindliches Gebiet. Ich musste hier 400 Meter auf der Hut sein vor den Kindern aus den Häusern der Tennstedt und der Bergstraße. Deren Spott und ihre Knuffe wollte ich nicht ertragen, ich wollte mich nicht wehren müssen, so wie ich jetzt war, ein Hosenscheißer, einer von da draußen hinter dem Acker an der Dicken Linde, der auf der Bergstraße nichts zu suchen hatte, noch dazu sonntags. Ich besaß für die Bergstraße nur ein Durchgangsrecht, um wochentags zur Schule zu gelangen. Ich wollte nicht kämpfen und nicht Reißaus nehmen müssen vor den großmäuligen Rempeleien des Ette Overtür, vor den Herablassungen des Pitt Waldecker, vor den stechenden Blicken der Bärbel Grieser, vor der an meinen Hosenträgern zupfenden Ulla Kahn. Ich war gegen meinesgleichen kein Feigling und ich würde mich rächen können anderntags in der Schulhofpause, würden sie mich jetzt in ihrer Übermacht schikanieren. Ich würde mir für jeden Einzelnen eine kleine Rache ausdenken. Nur jetzt nicht kämpfen müssen. Jetzt war ich außer Gefecht. Ach, was war ich doch für ein Feigling und in Gedanken ein Held. Doch so, wie ich jetzt am Anfang der Bergstraße stand, wollte ich weder ein Feigling noch ein Held sein, ich wollte nur unbehelligt durchkommen. Niemand und vor allem nicht mein Klassenkamerad Jürgen Glöckner aus der Mitte der geschlossenen Häuserfront der Bergstraße sollte meine vollen Hosen entdecken. Niemand sollte sehen, wie bei meiner Flucht der stinkende Brei meine Sommerhosen färbt. Niemand sollte auf dem Schulhof mit seinem Finger am kommenden Montag auf mich zeigen und Hosenscheißer hinter mir her rufen. Das Gespött aller Schüler aus der Ernst-Thälmann-Schule hätte mich in die Ecken des Schulgebäudes verfolgt. Und niemals hätte ich es wieder wagen können, vor einigen Mädchen wie ein Pfau zu stolzieren.

19:41 27.06.2012
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Geschrieben von

utrolle

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