"Am Röhrgraben" (83)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Ich lief die Bergstraße entlang mit der Wahrnehmung eines spähenden Indianers nach dem Feind, beäugte die Reste der abgesägten Metallzäune zwischen Fußweg und Vorgärten, bohrte meinen Blick durch die Büsche, um meine Peiniger rechtzeitig auszumachen. Aber Ette, Pitt, Bärbel, Ulla und Jürgen lauerten nicht hinter den Gartentorpfeilern. Sie waren wohl alle in dem Zirkuszelt, das ich wegen meines Dranges hinter mir lassen musste. Dort im Zirkus lachten sie sich wohl jetzt gerade alle die Lunge aus dem Hals bei der Clownsnummer, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Hinter der Bergstraße, im Stadtpark zwischen Rosarium und dem Dreierteich, trocknete ich endlich meinen Angstschweiß. Ich fand wieder zu mir, die volle Hose beschämte mich nicht mehr und ich dachte einen Kilometer voraus, was mich dort in der Küche erwarten würde. Dort würde mir Vater eine Kopfnuss geben und Mutter würde mich trösten. Sie würde eine Schüssel warmes Wasser bereiten und meinen Hintern mit einem Waschlappen säubern. An der Dicken Linde im Haus Nummer 80 an der nicht enden wollenden Riestedter Straße gab es keine Wanne. Gebadet haben wir manchmal, Vater, mein Bruder und ich, in einer privaten Badeanstalt mitten in der Stadt, unten direkt an der Gonna. Ich sage unten, weil der Weg zu dem Haus mit dem steilen Satteldach immer abwärts führt bis zur Gonna, die dort unten in ihrem gemauerten Bett vor sich hin gluckst. Die Badeanstalt ist aber nebensächlich und hat nur sehr weit entfernt etwas mit meinem letzten von den langen Kilometern zwischen Zirkus und Wohnung zu tun. Eigentlich hat die Badeanstalt in dem Haus neben der Gonna gar nichts mit meinem Zirkus zu tun. Vielleicht nur soviel, wie ein nasser Waschlappen gegen eine volle Badewanne gar nichts ist, und eben viel zu wenig ist, um einen braun verschmierten Hintern sauber zu kriegen.

Ach ja. Ich habe mich geirrt. Den Jürgen Glöckner muss ich aus der Kinderbande von der Bergstraße und der Tennstedt streichen. Jürgen gehörte nicht zu denen, die ihr Revier um des Reviers willen verteidigten. Er hätte mich auch nicht wegen meiner verkackten Hose ausgelacht, falls er mich im Vorbeihuschen auf der Bergstraße überhaupt bemerkt hätte. Jürgen ist von anderer Art gewesen. Die Worte „mild“ und „zurückhaltend“ kommen mir in den Sinn und in der mittleren Klassenstufe, vielleicht war es in der fünften oder in der sechsten Klasse, nahm ich den Jungen mit den dunklen Haaren sowieso erst wahr, wie er langsam sprechend, mit großen Schritten in zu großen Schuhen sich auf dem Schulhof gegen die Meute abhob. Manchmal ärgerten ihn die ausgelassensten und raufboldigsten Knaben der Klasse im Sportgarten oben seitlich der Alten Promenade, Ecke Schlossberge, gegenüber dem Haus von Dr. von der Trappen, meinem Geburtshelfer, und bestrichen johlend seine langen nackten Beine mit langstieligen Brennnesselruten. Jürgen bekam davon große rote Quaddeln, wie kein Zweiter unter uns. Er schrie laut und heulte lange unter den brennenden Schmerzen. Und wir Knirpse wunderten uns über sein Gewese, bis Heinz Bloßfeldt, der Sportlehrer, mich als einem der Übeltäter eines Tages nach einer wiederholten Attacke gegen Jürgen mit einem kräftigen Boxhieb auf meinen Oberarm und einem harten, festen Griff nüchtern rüttelte. Da wohnte ich aber bereits Am Röhrgraben und von dort sind es nur zwei Kilometer bis zum Anger in der Stadt, wo heute immer noch der Zirkus sein Zelt aufschlägt, und an einem Zirkus hatte ich und nicht Jürgen in die Hosen geschissen.

Auf dem letzten Kilometer also meines Heimweges vom vergeblichen Zirkusbesuch kehrte sich etwas um. Ich kehrte als erstes meine Hose um. Ich wollte wenigstens jenes Häufchen loswerden, was ich bisher loszuwerden mich nicht getraute, was als Frevel gegolten hätte, hätte ich es an einer Haustür oder in einem Vorgarten hinterlassen. Aber jetzt konnte ich es, ich war auf dem letzten Kilometer des Heimweges allein. Ich hatte nur den grünen, krautigen Kartoffelacker, die obligatorischen gelbschwarz gestreiften Kartoffelkäfer und ihre rosa Larven um mich herum und natürlich die Sonntagsruhe der Maschinenfabrik links neben der schwarzblau gepflasterten Riestedter Straße, auf die ich nochmals prüfend schaute und nichts bemerkte, was mich vom Hocken in der Furche hätte abhalten können. Und unter den Birnbäumen links und unter den Linden auf der anderen Seite der Riestedter Straße blieb auch alles ruhig. Ich hockte mich in die Furche zwischen das Kraut, so wie mir Vater das einmal erklärte hatte, irgendwann einmal im Schrebergarten zur Erntezeit, als ich aus dem Alter des Abhaltens bei der Notdurft schon herausgewachsen war. Ich hockte, wie man sich hinhockt nach väterlich erklärter Art, nicht nur einfach in die Knie geht, sondern richtig hockt und die Hosen nicht zu weit über die Knie schiebt, und die Hosenträger aber in der einen Hand hält, um sie nicht unnötig zu benetzen, und mit der anderen Hand den Urinstrahl ein wenig zwischen die Halbschuhe dirigiert und zuschaut, wie die Hacken der Schuhe eine Weile umspült werden, bis die lehmige Erde alles aufgenommen hat und etwas weiter hinten man auch noch sehen kann, wie sich das kleine Häuflein formt und unter Umständen vielleicht sogar noch einen winzigen Zipfel hinterlässt, je nach dem, ob es sich um das vergangene Mittagsmahl handelt oder um die noch nicht ganz reifen Pflaumen vom Baum, die den Kinderleib zur Unzeit martern. Nur wenn man das ein paar Mal ausgeführt hat in seinem Leben, weiß derjenige auch, wie viel emsige Ameisen über die dunkelbraune Erde krabbeln.

Ich aber hockte nun nicht im Schrebergarten, sondern im Kartoffelacker und machte keine Häuflein mit Zipfel, sondern kehrte meine Hose um. Ich ließ die angeformte Sache endlich fallen und danach zog ich, für’s Erste von der Pein erlöst, die feuchte Hose wieder hoch. Meine Stimmung aber kehrte sich nun auch um, nun zum zweiten Mal. Mit der Hose zog ich Ärger und Empörung an mir hoch. Ich begann zu erfassen, von der lang ersehnten und vom Vater quälend erbettelten Erlaubnis für den Gang zur Zirkusvorstellung nur das große Zelt mit den Stangen von außen und nicht mal das Zirkusklo von innen gesehen zu haben. Welch ein Schaden. Ich war empört gegen Großvater und Mutter zugleich. Warum hat Mutter mich nicht zu Hause erinnert und gesagt: „Gehe noch mal aufs Klo, nachher ist’s zu spät“? Sie hat es doch vorher sicher gewusst, wie es mir ergehen könnte. Sie sagte doch sonst immer gesagt, wenn wir einen längeren Weg vor uns hatten, ich soll vorher noch mal aufs Klo gehen. Jetzt war nachher. Warum hat der Großvater, mit dem ich in den Zirkus gehen sollte, mich nicht zum Klowagen geführt und dort mich hinein geschoben hinter die Klotür und aufgepasst, dass ich nicht von Erwachsenen weggedrängt werde? Warum hat der Großvater mich allein gelassen unter all den vielen Menschen vor dem Klowagen und ist mit meinen beiden Cousins in das Zelt gegangen, ohne sich weiter um mich zu kümmern? Mir brannte es plötzlich im Schädel. Ich war erregt und traurig. Wie lange sollte ich nun wieder warten müssen, bis zur nächsten Erlaubnis für einen Zirkusbesuch? Und die Eintrittskarte war auch verfallen.

Das war 1954, ich war acht, klein und gegen Erwachsene schüchtern und saß mit meinem Ärger in der Furche des Kartoffelackers. Es könnte das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass in mir der Wunsch aufkam, schnell erwachsen zu werden.

09:41 29.06.2012
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Geschrieben von

utrolle

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