"Am Röhrgraben" (84)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Wenn ich mit geschlossenen Augen an mein Erwachsenwerden denke, suche ich auch nach Eindeutigkeit. Ein Erwachsener ist eindeutig, sagte ich mir eine Zeit lang und erwählte diese Eindeutigkeit zum erstrebenswerten Zustand. Ein Erwachsener schien mir vor Unsicherheiten gefeit. Ein Erwachsener weiß, was er zu tun hat, wie er auftreten und was er sagen soll. Das weiß er in jeder Situation. Ich wusste es als suchendes Kind noch nicht, ich war noch kein Erwachsener, ich wollte einer werden, war auf dem Wunschweg dorthin, um nicht mehr und zu oft von lähmenden Unsicherheiten befallen zu werden.

Was hätte ich zum Beispiel als Halbstarker Anfang August 1961 dem Bahnpolizisten im D-Zug nach Berlin über mein Reiseziel Beeskow gesagt, was dem Grenzposten in Berlin-Schönefeld, als sie die Reisenden kontrollierten und den gesamten Zug eine Stunde lang auf dem Gleis stillstehen ließen? Hätte man mir geglaubt, hätte man mich weiter fahren lassen oder mich mit dem Gegenzug nach Sangerhausen zurück geschickt?

Mutter beugte angesichts dieser Eventualität vor und verpasste mir, wieder mit ihrem samtenen Lächeln begleitet, ein Schild mit einer Schnur unter das Hemd und mit ihrer handschriftlichen Aussage darauf, ich wäre ihr Sohn und als solcher auf der Fahrt nach Beeskow zu ihren Eltern, meinen Großeltern, und würde nicht in den Westen abhauen wollen.

Der Text der Aussage entsprach der tatsächlichen Absicht. Die Absicht aber hätte ich auch selber den Kontrolleuren gegenüber aussagen können. Doch Mutter setzte mehr auf den Zettel als auf mich, das Kind.

Wäre ich, das Kind, auch ohne Zettel wahrhaftig und überzeugend gegen die skeptischen, uniformierten Zugkontrolleure gewesen? Oder hätte ich es übermütig und meine Lage nicht richtig einschätzend, es darauf ankommen lassen, und hätte meiner Situation ein wenig Spannung verschafft, und mich zuerst den Grenzern gegenüber mit gestellter Empörung ihrer Frage zu erwehren versucht, und dann nach Lage der Situation und vielleicht erst im letzten Moment das Schild mit der Schrift meiner Mutter hervorgeholt?

Nicht nur Mutter und Vater schienen der Meinung zu sein, ich sei alles in allem mit fünfzehn noch ein Knabe und nicht besonders überzeugend im Auftreten, und gaben mir deshalb das Schild mit. Auch die Grenzer waren wohl dieser Meinung, und sagten sich im Stillen, hier fährt ein Junge mit seinen Eltern und stellten mir keine jener Fragen, die ich erwartet hatte. Und sie beachteten mich bei ihren Kontrollen überhaupt nicht. Ich war für sie ein Nichts, ein fünfzehnjähriger Milchbart.

Ich stand unbehelligt am geöffneten Fenster des Personenwagens und beobachtete neugierig die hektischen Vorgänge in manchen Abteilen und auf den Gängen. Ich hörte die unerwartet groben Kommandostimmen und das Lautsprechergebrüll über den Gleisen. Ich sah viele Leute aus meinem stehenden Zug während der Kontrollen heraus springen und zum bereits weiterfahrenden Zug auf dem Gleis gegenüber hetzen. Dort verschwanden sie, trotz aller warnenden Aufforderungen, stehen zu bleiben, und entkamen der Kontrolle in dem Berliner Vorortbahnhof Schönefeld. Und irgendeine unsichtbare Hand hatte ihnen helfend die Tür dort im bereits anfahrenden Zug auf dem Gleis gegenüber geöffnet, und nur manchmal kreischte eine Frauenstimme, weil ihre Tasche in der Eile des Zugwechsels oder beim hastigen Erklimmen des Trittbrettes aus der Hand geglitten war und der ganze inhaltliche Krempel verstreut auf dem Schotter der Gleise liegen blieb. Sie hätten doch lieber alles das nicht mitnehmen sollen, denke ich mir zwischen Mitgefühl und Unverständnis, weil eine prall gefüllte Reisetasche ja doch auffällt und das Gespür der Kontrolleure sowieso geschärft ist und die Grenzer beim Erblicken gefüllter Reistaschen genauer fragen und sie schnell merken, wer vermutlich die Absicht hat, über die Grenze zu gehen, und nicht in die IL 14 auf dem nahen Flugplatz zu klettern, um an den Balaton zu fliegen.

Die wahre Absicht wird ja von den unruhigen Augen verraten, den Augen derjenigen mit den gefüllten Reisetaschen. Aber in alle Augen können auch die Grenzer nicht schauen, weil es wohl zu viele gefüllte Reisetaschen gewesen sind und ihnen die ermüdende Routine sagt, heute lassen wir mal jeden Dritten durch.

Und ich denke mir auch, ohne dicke Reisetaschen hätten die Kletterer in den anfahrenden Zug nicht zu kreischen und den Verlust ihrer Sachen nicht zu beklagen und nicht mit feuchten Augen wehmütig und mit einem eigenartig absurden Nachinteresse aus dem Zug zu schauen brauchen, um festzustellen, wer sich wohl über ihren Plunder her machen würde. Aber das sahen sie auch schon nicht mehr so richtig, denn der Zug war inzwischen ein bisschen weiter gefahren in Richtung Berlin Zentrum und ihre Aufregung wird gewaltig gewesen sein, ihr Herz wird gerast haben aber sie werden sich gezwungen haben, schnell wieder ein alltägliches Aussehen anzunehmen und gelangweilt aus dem Zugfenster zu schauen. Zwischen den anderen Reisenden wären sie sonst aufgefallen. Sie wussten ja nicht, ob nicht noch eine Kontrolle unerwartet erfolgen könnte und diesen Zug hier ab Schönefeld gab es nur einmal. Und in Adlershof oder Ostbahnhof wollten sie dann sowieso in die S-Bahn umsteigen, und sich hinsetzen auf die hölzerne Bank des Abteils neben den Zeitung lesenden Typen in bloßem Jacket gekleidet, in dem sie einen Berliner vermuteten, weil er gleichgültig wirkte, egal wer ein- oder ausstieg. So einen sprachen sie dann doch lieber nicht an. Sie setzten sich nur daneben ohne ihn anzustoßen und bejahten sich selber im Stillen die verräterische Frage: „Fährt die hier nach Friedrichstraße?“ Und so erfuhren sie niemals die echte Berliner Antwort: „Könnse nich kieken?“

Sie bemerkten schon eher die nach Pisse riechende Luft im S-Bahnwagen und über diesem Eindruck zog sich noch eine Falte mehr über ihre Stirn und auch in Anhalterbahnhof oder Charlottenburg wurde die Luft nicht besser. Doch dort ist es ihnen aber sicher frei gestellt gewesen, weiter darüber nach zu denken oder auch nicht.

18:50 01.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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