"Am Röhrgraben" (85)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Ja, gewiss, ich war ein wenig erregt über diese seltsamen Szenen in Berlin-Schönefeld. Ich war nicht vorbereitet auf diese eigenartigen Zugwechsel und das Gebrüll und die Menschenströme. Alles erinnerte mich ein wenig an die Sitte im Dorf meiner Großeltern, wo man die Viehherden mit einem Stock durchs Dorf auf die nahe Weide trieb. Ich wusste vom Hörensagen von den Kontrollen in den Fernzügen. Die Möglichkeit, mit dem Fernzug aus der DDR nach Westberlin und von dort in den Westen abzuhauen, war gemeinhin bekannt und wurde umfänglich benutzt, besonders über den unverdächtig klingenden Berliner Vorort Schönefeld. Ich wusste aus dem Munde meiner Eltern auch von einem möglichen Reiseabbruch, wenn man kein plausibles Reiseziel hatte und der Verdacht auf Westberlin als Fluchtstätte aufgrund des vielen Gepäcks an seiner Seite nicht auszuräumen war. Da bin ich doch mit meinem Schild um den Hals ganz gut dran gewesen.

Aber meinem Wunschziel, erwachsen durch Berlin-Schönefeld hindurch zu fahren, bin ich nicht näher gekommen. Ich blieb Kind während der Fahrt, man hat mich nicht beachtet. Auf der Fahrt über Berlin-Schönefeld wollte ich zum Erwachsenen reifen und nicht mehr als Kind bei der Großmutter in Beeskow an der Spree ankommen. Es war mir nicht vergönnt.

Allerdings wäre ich bei der Großmutter sowieso kein Erwachsener geblieben, selbst wenn ich mich so gefühlt hätte. Dort, bei meiner Großmutter in Beeskow, gibt es meiner Meinung nach überhaupt keinen richtigen Erwachsenen, bis auf die Großmutter selbst. Alle anderen, meine kriegsverwitwete Tante Trude, mein Cousin Achim, die Ziegen, die Gänse und die Hühner, auch meine Mutter Margarete, wenn sie in Beeskow weilt, sind dort Kinder auf dem Hof und fügen sich der Großmutter und ihrem Gehabe und ihrem Regiment und ihrem Singsang beim Füttern des Viehs:

„Hiede, hiede, hiede, koommt, koommt meine Gutsten, koommt. Hiede, hiede, hiede.“ Beim Abendbrot höre ich sie die Anweisungen für den nächsten Tag von sich geben, widerspruchslos entgegen genommen von den Kindern: „Morgen gehen wir ins Luch, Heu machen, Trude zieht den Wagen. Grete, du buddelst aber Knollen aus. Die Jungs bleiben solange hier.“

Ich blieb also Junge auf der Reise. Ich wurde im Zug nicht erwachsen. Aber ausgerechnet zwischen Berlin-Schönefeld und Beeskow kam ich dem Erwachsensein trotzdem für ein paar Tage näher. Zwischen den beiden Orten spannte sich 1961 eine knappe Augustwoche auf, eine knappe Anfang-August-Woche, in der ich mich für etwas Unvorhersehgesehenes kurzerhand bereit erklärte und damit binnen weniger Augenblicke, aber ohne es zu erfassen, im Erwachsenenstand befand. Ich begriff erst Wochen später, worauf ich mich eingelassen hatte, als ich nach Sangerhausen zurückgekehrt, die Schulferien längst zu Ende und das Schild um meinen Hals vergessen waren. Ich habe in der Anfang-August-Woche drei Tage lang in Westberlin Zeitungen ausgetragen. Davon hatte meine Mutter nichts auf das Schild geschrieben. Auf dem Schild um meinen Hals, gefertigt für Kontrollen auf der Fahrt mit dem D-Zug nach Berlin-Schönefeld, hatte meine Mutter diese Information weggelassen. Die Information wäre vollständiger und unmissverständlicher gewesen, wenn Mutter eingefügt hätte: Mein Sohn wird seine Reise für ein paar Tage in Westberlin unterbrechen und eine uns bekannte Familie in Reinickendorf besuchen, Klammer auf, was die uns bekannte Familie mit ihm dort machen wird, wissen wir nicht, Klammer zu. Danach wird er mit dem Zug nach Beeskow zu seiner Großmutter weiterfahren.

Aber wer schreibt so etwas auf? Wer glaubt schon, es wird geglaubt und als wahrhaftig angenommen, selbst wenn es wahr sein sollte, wie in meinem Falle? Da kennt er die Grenzer nicht. Die wollen so etwas gar nicht wissen. Und meine Mutter wusste ja auch nichts vom Zeitung austragen. Ich fuhr also von Berlin-Schönefeld im Zug weiter bis Berlin-Adlershof, stieg dort aus, nahm nicht die S-Bahn nach Königs Wusterhausen zum Anschlusszug nach Beeskow über Storkow, sondern die Gegenrichtung bis Berlin-Alexanderplatz, wechselte dort in die U-Bahn nach Norden und nach fünfzehn oder zwanzig Minuten las ich jenen Namen auf dem länglichen, emaillierten Schild der U-Bahnstation, den Mutter mir als Aussteigebahnhof eingebläut hatte. Ich war in dem Stadtviertel angekommen, das Mutter auf dem Zettel unter meinem Hemd aller Welt verschwiegen hatte, Berlin-Reinickendorf. Hier war für ein paar Tage Endstation. Kein Umsteigen mehr, kein Warten mehr, sondern die braune Reisetasche aus Kunstleder greifen und aussteigen, über die Treppenstufen zum Ausgang gelangen und dann die Aroser Allee finden.

21:36 05.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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