"Am Röhrgraben" (86)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
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Der Anlass jetzt für meinen Aufenthalt in Berlin-Reinickendorf war verschiedenerlei. Eigentlich war es meine Reise nach Beeskow mit einem Abstecher nach Reinickendorf. Meine Mutter wollte mich in den großen Ferien immer in Beeskow bei der Großmutter sehen, um im latenten Wettbewerb mit meinem Vater um meine Gunst zu beweisen, ich würde mich mehr nach Beeskow hingezogen fühlen, als nach Brücken zu meines Vaters Eltern. Der Anlass für den Abstecher nach Reinickendorf aber entsprang anderen Motiven, entsprang meinen eigenen Wünschen nach einer Niethose und nach einigen Fotos von amerikanischen Straßenkreuzern. Ich suchte dringend nach ein paar Etiketten für mein Erwachsenwerdenwollen in Sangerhausen. Ich wollte mich aufwerten können durch das Tragen einer selbst gekauften Niethose. Niethosen konnte man 1961 in Westberlin kaufen aber nicht in Berlin-Lichtenberg und nicht in Berlin-Schöneweide und nicht in Beeskow und nicht in Sangerhausen. In Sangerhausen wollte ich in Niethosen und mit Jesuslatschen und ohne Strümpfe die Göpenstraße entlang promenieren und damit einigen Mitschülern aus den oberen Klassen der EOS ebenbürtig sein. In engen Niethosen und mit Jesuslatschen und ohne Strümpfe hoffte ich, endlich das Gefühl zu verlieren, die Leute in Sangerhausen würden über mein Äußeres lachen.

Es war Sommer in Berlin-Reinickendorf, Anfang August 1961, als ich aus der U-Bahnstation trat. Ich schritt die flachen Stufen vor der Station herab, beachtete nicht die Büsche und die Einfassungen aus Bossensteinen. Ich bemerkte die Helligkeit des Tages. Ich fragte nach der Aroser Allee und stand, nach kurzem Weg um eine Straßenbiegung herum mit meiner braunen Kunstledertasche vor der Hausnummer 181, ohne an dicht geschlossenen, vier Geschoss hohen Häuserzeilen mit Balkonen vorüber zu müssen, wie ich erwartet hatte, weil mir solche Häuser von Berlin-Lichtenberg noch in kindlicher Erinnerung waren.

Bauhausstil dachte ich, und irgendwie fiel mir Dessau ein und die Bilder aus der Ferienlagerzeit in Mosigkau vor ein paar Jahren kamen flüchtig auf. Die Haustür der zu findenden Nummer 181 lag quer zum Gehweg, als wolle sie sich bemerkbar machen und mich aufhalten und zu einem kleinen Gespräch einladen, um den von meinen suchenden Tritten aufgeschreckten Gehweg und seine gähnende Leere ein wenig mit Neuigkeiten zu füllen, die der Junge mit den ausgetretenen Schuhen, den schief gelaufenen Absätzen und dem grauen Jerseypolohemd sicher mitzuteilen habe. Der Gehweg führte unter dem Haus weiter. Auch die Straße führte durch das Haus hindurch, verlor sich irgendwo hinter dem schlanken, lang gestreckten Baukörper mit dem flachen Dach. Das Haus ist eine Straßenüberbauung wie eine Brücke und die Außenwände waren bei meiner Ankunft hell und glatt. Ich las die Klingelschilder an der Haustür mit der Nummer 181 und suchte den Namen Arndt, Eva Arndt, Tante Eva Arndt.

Ihr Gesicht erkannte ich sofort wieder. Die papierne Haut, unter der die Knochen des Gesichtes zu deutlich hervor traten, markierte meine plötzlich wieder frische Erinnerung an sie. Eine kleine Frau im bunten Kleid und mit hellbrauner, gelockter, aufgepusteter Haarfrisur.

Ich wäre schon mal bei ihr gewesen, zusammen mit meiner Mutter, sagte sie mir zur Begrüßung an der Wohnungstür. Damals hatte sie, verheiratet allerdings, in einer Laubenkolonie gewohnt. Es blitzte in meiner Erinnerung auf. Also von daher, dachte ich, hatten mich die fernen Bilder aus der Mitropa vom Bahnhof Lichtenberg erreicht. „Hahaha. Komm herein.“

20:37 07.07.2012
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Geschrieben von

utrolle

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