"Am Röhrgraben" (87)

Romanauszüge, Ein Junge in der Zeit zwischen 1950 und 1966
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nun stand ich in der Küche von Tante Eva an jenem Augusttag. Es war bereits Nachmittag. Ich war seit halb sieben Uhr früh mit der Bahn unterwegs, war einige Male umgestiegen und die ungewohnten Bilder, Gedanken und Hoffnungen auf meiner Reise bis nach Berlin-Reinickendorf beschäftigten mich noch. Doch erst in der Küche von Tante Eva glaubte ich zu wissen, warum ich ein Kilo Schweinefleisch in der braunen Reisetasche aus Kunstleder bis nach Reinickendorf geschleppt hatte und dort auf den Küchentisch packte. In der Küche der Tante Eva fehlte es an Wurst, Butter, Brot. Ich sah diese Dinge nicht. Tante Eva hat wohl noch nicht eingekauft, und würde das Kilo Fleisch erst am kommenden Tag zubereiten wollen, dachte ich mir und zweifelte doch, ob mein Gedanke zutreffend sei. Ich stillte meinen Hunger vorerst mit den Resten von Mutters Reisestullen. Mutters Auftrag, das Fleisch der Tante Eva zu geben, war ausgeführt. Das Fleisch, eingewickelt in Butterbrotpapier und eingeschlagen mit der „Freiheit“ aus Sangerhausen sollte einen Braten abgeben, sagte Mutter zu mir. Und dass die Tante Eva nicht soviel Geld habe, sagte sie auch noch und dann eben diese Rederei vom sozialen Stand der Tante Eva, die vom Austragen einer Zeitung leben müsse.

Auf den Schweinebraten wartete ich vergeblich. Auch am folgenden Tag gab es keinen Braten. Stattdessen sollte ich eine Maggi-Fertigsuppe zubereiten mit Nudeln und einer Scheibe Brot aus dem Toaster dazu. Der Auftrag überraschte mich. Aber ich fühlte eine sonderbare Erhebung in mir, als jugendlicher Gast für das Mittagessen, zumindest an einem Tag verantwortlich zu sein. Mutter hatte wohl meine geringen Kochfertigkeiten irgendwann vor meiner Reise brieflich der Tante Eva ausgebreitet, und das reichte der Tante Eva aus, um mich als Koch für die Tütensuppe einzusetzen, während sie Zeitungen austrug. Das Austragen war ihre tägliche Arbeit. Tante Eva sah ich erst wieder am späten Nachmittag. Sie saß und rauchte am Tisch, lachte, fragte nach meinem Tun und ging dann mit dem Schäferhund in den Park. Was ich an den folgenden Tagen an Essbarem zu mir nehmen konnte, ist mir nicht mehr in Erinnerung.

Aber, am zweiten Abend meines Reinickendorfer Aufenthaltes füllte sich die Küche plötzlich. Ein junger, lang aufragender Mann stand an der Wohnungstür. Als Tante Eva ihn einließ, schoss sein hellbrauner kurzhaariger Hund an seinen Beinen vorbei, stoppte am Fressplatz unter dem Küchenfenster und begann den Schäferhund der Tante Eva zu beschnuppern und bald drehten sich beide jaulend und springend umeinander. Der junge Mann schien offensichtlich genau so ein Hundefreund zu sein, wie die Tante Eva, und das Treffen der beiden hier in der Küche kam mir irgendwie verabredet vor. Mir schien, er kenne sich in der Wohnung sehr gut aus und ich wunderte mich, wie selbstverständlich der stattliche junge Kerl bei der etwas welken Tante Eva seine langen Beine unter dem Tisch ausstreckte wie auch sein Hund. Eine zweite fremde Person erschien alsbald auch noch an diesem Abend. Es war ein junges Fräulein von vielleicht achtzehn Jahren, ebenfalls mit Hund. Auch über ihre Anwesenheit wunderte ich mich, und ich bekam das Gefühl, sie war gekommen, weil sie noch jung und auf mich neugierig war. Woher wusste sie von mir? Was hatte man ihr erzählt? Sie glotzte mich an und rauchte. Bald bemerkte ich ihre kümmerlichen Vorstellungen von einem Leben in Sangerhausen. Sie fragte mich allerlei dummes Zeug, ob bei uns überall die Russen wären, und ob wir zu Hause in der Ostzone auch einen Lichtschalter neben den Zimmertüren in den Wohnungen hätten und ob alle Kinder in der Schule in die Pionierorganisation gezwungen würden. Ich erboste mich innerlich über ihre Fragerei, wusste aber kein Mittel, ihre Fragerei abzuwenden und schaltete trotzig ein paar Mal hintereinander das Licht in der Küche ein und aus, bis mich Tante Eva maßregelte und aufforderte, das Schalterspielen sein zu lassen. Das Fräulein mit der frisch gewellten Frisur hatte gewonnen. Sie grinste mich an, nahm sich wieder eine Zigarette aus der Packung, schlug ihre Beine übereinander, saugte den Qualm der Zigarette hörbar in sich hinein ein und erst nach langen Momenten blies sei einen langen Schweif grauen Atems wieder aus. Bald erstickte die Küche in Hundegeruch und Zigarettenqualm. Unter dem Fenster schmatzten und knurrten die drei Köter. Sie fraßen zu dritt mein mitgebrachtes Kilo Schweinfleisch auf. Tante Eva hielt es für nicht mehr genießbar, weil es roch.

Warum war sie eigentlich nicht auf den Gedanken gekommen, das rohe Stück Fleisch gleich nach dem Auspacken aus meiner kunstledernen Reisetasche zu braten? Im Sommer, im August, muss ein Stück rohes Fleisch nach einer achtstündigen Bahnfahrt in stickig warmen Waggons der Deutschen Reichsbahn sofort ausgepackt, abgewaschen und gebraten werden. Das versteht sich von selbst, sagte ich mir, und wusste dieses für mich so Selbstverständliche von meiner Mutter. Und wie abgesprochen tauchte auf einmal auch mein Vater vor meinen Augen auf mit seiner Frage auf, ob ich nicht Koch werden wolle. Ganz plötzlich sah ich meinen Vater in der Küche von Tante Eva vor mir und so abwegig wie beim ersten Mal schien mir seine Frage nun nicht mehr zu sein angesichts des Klumpens schieren Schweinefleisches, dem vor dem gedachten menschlichen Verzehr zumindest ein Anbraten gut getan hätte.

Zumal das Fleisch bereits einen Tag vor meiner Reise gekauft werden musste, und wiederum einen Tag davor die Schlachtung des Schweins gewesen war. Also, bei meiner Ankunft in der Aroser Allee war das rohe Stück Fleisch sicher schon drei warme Sommertage alt.

In der Küche von Tante Eva aber hatte man andere Gedanken und das Stück Schweinefleisch schien erst einmal vergessen. Oder?

Oder, ein Stück Fleisch galt der Tante Eva nicht so viel, wie Mutter geglaubt hatte. Oder, die Sättigung ihres Hundes schätzte Tante Eva höher, als die Sättigung der Menschen in ihrer Wohnung. Oder, das Fleisch roch gleich bei der Überreichung am Anreisetag an die Tante, weil es die warme Fahrt mit dem Zug nicht überstanden hatte.

Von dem Geruch des rohen Fleisches aber hatte ich bis zu dem Abend, als Tante Eva darüber sprach und ich die Köter das Fleisch fressen sah, nichts registriert. Oder, das Fleisch hatte schon während der Fahrt im Zug einen nicht mehr frischen Fleischgeruch angenommen, was wiederum die Reaktion des Hundes der Tante Eva erklären würde, der mich nicht einlassen wolle und an der Wohnungstür hechelnd und knurrend an meiner braunen kunstledernen Reisetasche schnüffelte, und ich sein Verhalten fälschlich deutete, denn unter dem Gesichtspunkt des Geruches war der Hund nicht auf mich, sondern auf das Fleisch in meiner Kunstledertasche aus.

19:38 08.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

utrolle

Autor
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare