Der Freitag ist zum Einkaufen

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Hermann fährt einkaufen. Eigentlich wird es ein bisschen mehr sein als einkaufen. Den Einkauf für die gesamte kommende Woche will Hermann aus dem Supermarkt mitbringen inklusive Mittagstisch für Sonntag. Seitdem Hermann 60 geworden war und sich seitdem zu Hause herumorientiert und seine Ehefrau das Misstrauen gegen Hermanns Auswahl der Essprodukte entnervt aufgegeben hat, fährt Hermann zum Wocheneinkauf. Und für den Sonntag will er ein Suppenhuhn mitbringen und ein Päckchen Reis. Bereits am Donnerstag hat Hermann die Einkaufskörbe in seinen asiatischen Kleinstwagen gepackt. „Donnerstag brauchst du nicht zu fahren, da ist alles nicht mehr frisch. Fahre lieber am Freitag, da gibt es auch Spargel und gucke aufs Datum“, sagt seine Frau, bevor sie aus der Wohnung in die Arbeitswelt verschwindet. Hermann findet sich mit dem Freitag ab. Und dreht sich den Donnerstag im Kreis. Von der Küche in das Wohnzimmer, von dort in den Keller. Dann wieder zurück, die Treppe rauf und zum Fenster. Endlich mal aufs Klo. Am Spiegel reibt er sich die Falten. Freitag im Supermarkt, frühmorgens vor Neun würde es noch einigermaßen leer sein, sagt er zu sich, und dass er dann unbehelligter auswählen könne als am Donnerstag, bevor also die übrigen Mitmenschen nach Neun wie Ameisen hereinfallen und um ihn herum wuseln. Hauptsache, das Suppenhuhn ist noch da. Einkaufen ist für Hermann zum intimen Vorgang geworden, zum wöchentlichen Gedächtnistraining. Wie andere ihre Muskeln, trainiert Hermann seine intimen Synapsen. Er will flexibel bleiben. Gelegentlich vergaß er, das Flurlicht auszuschalten oder abends den Stecker aus der Munddusche zu ziehen. Hermann hat das erst am folgenden Morgen bemerkt und es soll nicht wieder vorkommen. Wenigstens einmal in der Woche will sich Hermann fordern und alle Posten des Einkaufes ohne Hilfsmittel merken. Er lächelt etwas gönnerhaft, sieht er im Supermarkt einen Kunden, der mit dem Bleistift ein Kreuzchen auf dem Einkaufszettel macht, sobald sein Bedürfnis im Korb liegt. Der Einkaufszettel ist für Hermann wie Mogelei. Und für Leute, die mit dem Handy am Ohr durch die Regale karren und irgendwen laut abfragen, ob italienischer oder neuseeländischer Rotwein gekauft werden soll, empfindet Hermann nur Mitleid. Diese Kunden sollen lieber sich fragen, wozu ihr dreijähriges Kind im Korb den Nuckel braucht. Hermann kann sich als Kind an keinen Nuckel erinnern und ist trotzdem zur Selbständigkeit erzogen worden. Auswendiges Einkaufen kam etwas später dazu, auch immer am Freitag, immer nach der Schule und immer das gleiche: Vom Kaufmann Hohnstädter Hefe, Mehl, Eier und Zucker und vorher die Milch aus Schumanns Laden. Die zwei Läden mit den fünf Posten konnte sich Hermann gut merken, selbst wenn ihm Lehrer Benschuh im Rechnen nur eine Drei gegeben hatte. Einkaufen war Wiederholung. Wenn der Hohnstädter trotz Hermanns Wiederholung mal keine Mehltüte mehr hatte, oder Hermann die Einkaufspflicht wiederholt verletzte, gab es ebenkeinen Kuchen am Sonntag. Basta. Früher, so geht es dem Hermann durch den Kopf, früher war das Leben besser. Es gab oder es gab nicht. Manchmal gab die Nachbarin das Mehl und brachte auch ein paar Neuigkeiten mit. Heutzutage braucht Hermann nicht mehr borgen. Mehl gibt es von früh bis spät im Supermarkt samt Wandfräse mit Staubsack und Aktionspreis. Und die Nachbarin gibt es schon lange nicht mehr. Und überhaupt gibt es keine Leute mehr im Haus, die freiwillig grüßen. So denkt Hermann am Donnerstag vorm Spiegel mit seinen Falten.

Am Freitag zieht Hermann eine Parkkarte und rotiert linksherum die Auffahrt hoch ins Parkhaus. Er sieht auf die Uhr und nimmt sich einen Korb. Ab jetzt läuft die Parkuhr gegen ihn. Mit Suppenhuhn & Reis will Hermann in 40 Minuten wieder auf der Straße liegen. Seine Frau würde das ja auch nicht verstehen, wenn er den Einkauf mit Parkgebühren verteuerte, selbst wenn er ihr erklärte, an der Flaschenrücknahme hätten drei dickbäuchige Kunden vor ihm gestanden mit überquellenden Flaschenwagen seitlings. Oh, Mann! Außerdem würde ihm die Diskussion wegen der Parkgebühr den Appetit auf das Suppenhuhn mit Reis und Spargelspitzen verderben. Hermann rupft kräftig die Tütenbeutel von der Rolle und stößt zu Obst und Gemüse vor. Er nimmt Suppengrün, Zwiebeln, Wacholderbeeren, Lauch, Möhren. Da ist auch der Spargel entdeckt. Diese Merkposten sind nun bewältigt. Er greift nach dem Päckchen Reis und wirft auch noch einen prüfenden Blick auf die Garnmischung der working socks gleich neben dem Gewürzstand. Hermann kreuzt Bratpfannen, TV’s, Nordic-Walking-Stiele und öffnet den obersten Hemdknopf. Dann nimmt er den Blauschimmel. Vor den Heißöfen der Schrippen und Krustenbrote tippt er mit dem Zeigefinger an seine Schneidezähne und driftet erst mal nach links in den Gang ab, wo der Kaffee im Vakuum-Koma liegt. Da fragt von der Decke herab ein verdutzter Sänger, womit er das verdient habe. Hermann weiß, dass er nicht gemeint ist und rauscht in die Kühlfoodarea. Das ist für ihn die Rätselecke. Wenn Hermann Glück hat, erinnert er sich an denaktuellen Bio-Light-Geschmack seiner Frau und greift nach der richtigen farbenfrohen Trendpampe. Dann legt er noch einen tief gefrorenen Pflaumenkuchen auf den gebecherten Brei ohne Konservierungsstoffe obendrauf und nimmt fröstelnd die Zwischenzeit. Zufrieden erreicht er das Feldlager der Getränke. Hier in diesen hohen Gängen entscheidet er sich still für Wasser und zwei Flaschen Bier und strömt mit den anderen schließlich in Richtung Kasse ab. Freundlich fragt ihn die Stereotypin am Band, während seine Geldkarte im Automat verschwindet, wie seine Postleitzahl laute. Hermann kommt es vor, als würde man ihn fragen, ob er etwas zu verzollen hätte. Seine Augen suchen sofort das Suppenhuhn. Oh, seine Synapsen waren doch nicht flexibel, das Suppenhuhn fehlt. Da ist nun jener Moment in Hermanns menschlichem Leben erreicht, wo auch bei ihm an der Kasse der Schweißfleck sichtbar wird. Wie damals, wenn Hermann den Kaufmann Hohnstädter vergessen hatte. Zurück oder nicht zurück, so ist seine Lage. Hermann spürt hinter sich die Peitsche der steinernen Kunden und sieht vor sich die Parkuhr. Hermann rennt. Den Fahrstuhl belegen die leeren Flaschenkunden. Sportiv hechtet Hermann mit dem vollen Wagen das Laufband hinauf ins Parkhaus, poltert die gesamte Ladung in das Heck und hastet zurück in den Supermarkt zur Tiefkühltruhe. Wieder wiederholt die freundliche Gymnasiastin an der Kasse ihre Frage nach der Postleitzahl und ob es ein guter Einkauf geworden ist und greift plötzlich schräg nach dem Telefon. Irgendjemand hat das Preisschild am Suppenhuhn abgerupft... Nein, der Einkauf ist zufrieden, aber Hermann liegt hart am Limit. Endlich kullert das kalte Huhn über Möhren und Spargel in den Kleinstwagen, Hermanns Falten glätten sich flexibel und dann beginnt er sich allmählich zu freuen. Wie seinerzeit immer am Freitag, wenn er mit dem Mehl und der Milchkanne auf seinen Kinderbeinen den unendlich weiten Weg nach Hause ging.

18:48 01.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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