Der Gruß von Elfriede (Teil 1)

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Hermann schiebt die leere Kaffeetasse von sich weg.

Das macht er aus Gewohnheit, das ist nichts Besonderes und als Vorgang nicht der Erwähnung wert, wäre Hermanns Bewegung nicht so langsam, würde seine Hand nicht einen Augenblick zu lange den Griff der Tasse festhalten und wäre da nicht sein schwerer Atem.

Die bedächtige Bewegung fällt Hermann selber auf, lässt ihn auf dem Stuhl sitzen bleiben, wo er eben noch seine Tätigkeiten in der Küche fortsetzen wollte. Nach einer Tasse Kaffee ist Hermann üblicherweise energisch, er verspürt nach einer Tasse Kaffee meist neue Energie, eine Art Aufbruch. Aber jetzt bleibt diese Stimmung aus, jetzt bleibt Hermann sitzen, vor sich die leere Tasse, sieht die Tasse in der Mitte des blanken, sauberen Tisches, bemerkt noch dessen geringe Abmaße und gibt sich schon seinen nahenden grüblerischen Gedanken hin.

„Was wird denn das jetzt?“, fragt der stille Beobachter von hinten.

Hermann lässt gedankliche Bilder von den letzten zwei, drei hinter ihm liegenden Tagen entstehen. Sie formen sich, noch sind sie ein wenig verworren, zucken auf, vergehen. Gesten und Worte sind dabei, fremde und eigene. Hermann vernimmt ein sachtes Rauschen in sich. Das scheint ihm zu gefallen, er entspannt. Sein Blick entfernt sich durch das Fenster. Hermann kennt solche Momente.

Der stille Beobachter bemerkt lakonisch: „Hermann, du träumst.“

Das ist so leicht daher gesagt. Besser sollte man von Hermann sagen, er hat Übung mit sich und mit seiner Nachdenklichkeit. Hermann träumt nicht, er ist hellwach. Und den Blick durchs Fenster weiß Hermann gleich aufzufangen, bevor der sich verliert in der trüben Ferne des Nachmittaghimmels. Und der Frühlingstag draußen passt eigentlich nicht recht zu diesem nachdenklichen Moment hier in der Küche, in der Hermann sich jetzt befindet. Eine Herbstzeit wäre angebrachter, aber die Geschichte hier würde davon kitschig werden. Es ist nun mal ein Frühlingstag, das soll der Wahrheit halber erwähnt sein, weil alles erlebt ist, worüber Hermann an diesem Frühlingstag des Jahres Neun im dritten Jahrtausend nach Christus vor der leeren Kaffeetasse nachdenkt. Und er kann sich schon nicht mehr trennen von der Vielzahl seiner verschlungenen Gedanken.

Am Ende, wenn Hermann seine Gedanken endlich wieder ordnen kann, der Lärm des Tages ihn wieder einholt, dann wird er fluchen über sich und sein ewiges Nachsinnen. Manches Mal schon hat er über sich geflucht und auch gestöhnt, als wolle er dadurch erlöst werden aus der Qual seines autistisch versunkenen Zustandes, der nur äußerlich friedfertig scheint. Hermann trägt innerlich immer Blessuren davon. Und manches Mal, wenn er sehr aufgewühlt ist, wird er gegen sich selbst sehr laut mit Worten, die hier lieber weggelassen werden. Urlaute sind es, wie Akkorde, kräftig, martialisch, viehisch und aus tiefer Brust, dass der Schirm der Küchenlampe nachschwingt.

Das macht der Hermann so. Damit will er sich frei machen von seinen Zweifeln, will sich entlasten und die Geister will er verscheuchen. Eigentlich sind Geister eine Vergangenheitsform. Hermann aber begegnet ihnen gelegentlich in der Gegenwart. Und dann gibt es ein Hin und Her in Hermanns Brust. Nach dem Fluchen, wenn also der Schirm der Küchenlampe nachschwingt, sind die Geister verscheucht, ist alles vorbei. Und danach, ja danach kann Hermann seine profanen Arbeiten endlich erledigen. Solch Gehabe hat er sich von den psychologischen Therapeuten abgeguckt. Hermann praktiziert das nach. Manchmal glaubt er von sich, eine Manie zu haben. Aber davon wird an anderer Stelle zu berichten sein. Mal sehen, wohin diesmal Hermanns Nachdenken am Küchentisch führt und was es darüber zu sagen gibt.

Hermann war drei Tage bei seinem Vater zu Besuch in Sangerhausen gewesen und heute am frühen Nachmittag mit dem Auto wieder heimgekehrt. Der Besuch beim Vater im Pflegeheim der Kreisstadt ist für Hermann immer eine Schwierigkeit. Nicht die räumliche Entfernung ist damit gemeint, die ist auf der Autobahn in zweieinhalb Stunden überwunden. Es ist, treffender gesagt, die Schwierigkeit des Suchens nach dem Vater, es ist immer im Anfang der Versuch, den Vater emotional wieder zu finden. Im Anfang muss Hermann immer erst ein wenig aufräumen in seiner emotionalen Kommode. Muss mit den zerwühlten widerstreitenden Erinnerungen zu Werke gehen. Dann erst wird Hermanns Anwesenheit beim Vater zum Besuch, zum Wiedersehen.

Der stille Beobachter kann sich nicht zurück halten und mäkelt: „Du übertreibst, Hermann.“

Wollte Hermann dieses Urteil übernehmen, müsste er zur Emotionsarmut mutieren, müsste den Vater in eine greise, dem Tode sehr nahe gekommene, zerbrechlichfaltige, stumme Gestalt umwandeln, die ihm, halb erblindet und ertaubt, mit ständig tropfender Nase, im Rollstuhl steif gegenüber sitzt und die ihren Raum im Pflegeheim nur verlassen kann, wenn Hermann gewillt ist, den Rollstuhl mit diesem Häuflein Restleben in dessen viel zu weit geratenen Stoffhüllen nach draußen an die Luft zu karren und die endlich nach einer quälend langen Stunde Spazierfahrt zurückgekehrt, auf das Essen lauert, das wichtiger ist als Hermann, weil das Essen dreimal am Tag kommt. Hermann kommt nur einmal im Monat.

Aber Hermann kann nicht so mutiert denken. Der Vater ist ihm nicht egal. Hermann kennt sich. Hermann übertreibt nicht, er ist kein gedankenloser Leichtfuß, auch kein wankender Zauderer. Hermann geht auf Seitenwegen durch seine Welt. Da ist es manchmal beschwerlich zu gehen, und das verschleißt einen mehr.

Der Lärm der Hauptstraßen machte Hermann trostlos, machte ihn unruhig und grob. Hermann hat einige Jahrzehnte seines eigenen Lebens gebraucht, um von den Hauptstraßen weg zu kommen, diese Seitenwege für sich zu finden. Und seither fühlt er sich besser. Er sieht die Feinheiten, ist gelassener und empfindet mehr von der menschlichen Seite her. Und er schaut seither die Farben und auch die kuriosen Dinge, die sonst verborgen geblieben wären, ohne seine Brust zu weiten, ohne manches helle Lachen durch den Raum klingen zu lassen, ohne manches Nachdenkliche deutlich zu machen.

„Na ja, nun auch noch was fürs Gemüt“, stänkert der stille Beobachter.

Was der damit meint, ist Hermann nicht gleich ersichtlich. Vielleicht bleibt der stille Beobachter schwammig, um dem Hermann nicht zu sehr auf die Füße zu treten. Was soll der Beobachter aber auch anderes sagen, bei soviel Allgemeinplätzen?


19:27 21.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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