Der Gruß von Elfriede (Teil 2)

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Über all den Deutungen und dem vagen Versuch, den Menschen Hermann ein wenig zu beschreiben, hat der seinen Vater längst gefunden in diesem Pflegeheim am Rande des weitflächigen Rosengartens der Stadt. Das ist mit geringen Umständen verbunden dieses Mal, soll aber doch hier gesagt werden, wenn man den Weg vom leer vorgefundenen Zimmer des Vaters zurück übers Treppenhaus, durch die Lobbyin den hinteren Bereich des eckigen Gebäudes für einen wie Hermann, der noch einigermaßen gut zu Fuß ist, als Umstand werten will. Dem Rollstuhlfahrer käme dieser Weg aber einem unlösbaren Umstand gleich. So gesehen ist der Tag für jene Insassen des Pflegeheimes, deren Lebensraum sich auf wenige Quadratmeter eingekreist hat, eine bewegende Besonderheit. Für eine gute Stunde nach dem morgendlichen Frühstück nehmen sie im Erdgeschoss am Sportfest des Pflegeheimes teil.

„Paralympics für Schlaganfall“, spöttelt der stille Beobachter sofort und diesmal von oben.

Hermann ruft den stillen Beobachter zur Ordnung und ist derweil am sportlichen Austragungsort angekommen. Das ist der bestuhlte Speisesaal. Vorher und nachher ein runder Anbau mit roten Ziegeln auf dem Dach, jetzt das Stadion mit umkämpften Disziplinen: Büchsenwerfen, Ballgreifen, Kegeltreffen, Erkennungsspiel. Hermann schaut den Wettkämpfern zu. Die Pflegekräfte in Jogginghosen sind die Kampfrichter, Schüler aus dem örtlichen Gymnasium verdatterte Helfer. Rollstühle sind an den Ständen angetreten, hintereinander, damit jeder dran kommt. Dicke, warme Luft füllt den Raum, die Begeisterung wächst. Seines Vaters Augen leuchten und die arthritischen Hände können den Ball nicht oft genug greifen. Hochrufe bei den Treffern, Marschmusik und Fanfaren aus dem CD-Spieler bei jeder Siegerehrung. Von draußen scheint die Sonne herein. Die Sonne ist extra bestellt, ruft jemand euphorisch von irgendwo herüber.

Hermann tritt an die Seite und muss sich setzen. Er fühlt sich benommen vom Geschehen und von einer ihn seltsam fragenden Erinnerung zugleich: Stand der Vater nicht oft im Stadion und schaute zu, vor Jahrzehnten, damals, als Hermann am Kindersportfest der Schule teilnahm? Jedes Jahr, bis er dreizehn oder vierzehn wurde. Und fühlte das Kind Hermann davon nicht eine fördernde, eine doppelte Kraft in sich? Wie kam er doch manchmal als ein Sieger vom Wettkampf zum Vater gerannt, begeistert, mit leuchtenden Augen und voller Vertrauen!

Und heute schaut Hermann dem Vater zu. Ihm ist zumute, als wäre heute so ein Tag, dem greisen Vater am Ende seines langen Lebens die gespendete Kraft von einst zurückzugeben. Die Plätze sind getauscht. Was hindert ihn daran?

„Eine sentimentale Plattheit“, wehrt der stille Beobachter ab. „Anfang und Ende eines Lebens treffen sportlich aufeinander. Punkt um.“

Hermann überhört den Zyniker. Er ist schon gedanklich weiter gelangt. Zu der dunklen Seite nämlich, die immer angeheftet ist an seine Erinnerungen wie ein Schatten und Hermann fragt sich schon, warum das Vertrauen in den Vater damals, noch in der Kinderzeit, verloren ging. Ob und welche Schuld er selber daran trägt. Manchmal kann er darüber nicht richtig schlafen. Hermann ist mit sich uneins auf dieser ganz unbewältigten Seite seines Lebens. Und nun ist diese Flanke wieder offen, verletzbar. Das hatte Hermann nicht erwartet. Verletzungen kommen immer unerwartet.

Hermann hat seinen Platz an der Seite des sportlichen Runds wieder verlassen, will dem greisen Gemenge besser zuschauen. Er mustert die neuen Sieger, sieht die zumeist stumme Erregtheit in den grauen Augen, sieht auch die Beleidigten, hört die Maulenden. Kindergarten. Und die Vorlagen verrutschen. Manch Kämpfer hat gut getroffen, aber die Toilette verpasst. Egal, Männlein und Weiblein, die Toilette wird später nachgeholt. Das wird aufwändig. Es gibt erneut Beifall.

Hermann grübelt: Woran erinnern sich die Alten eigentlich, wenn sie zu solchem Sportspiel antreten? An ihre Jugend? Oder freuen sie sich, befreit von dem Vergleich mit ihrem vergangenen Leben, eher auf die Belohnung? Dort am Ausgang wartet die Belohnung für ihre Teilnahme: Eine Bratwurst für jeden. Die Heimleiterin verteilt sie, stolz lächelnd in ihrem Sportdress.

„Die Pelle müsste man aber abmachen“, raunzt der stille Beobachter und greift zu.

Die Heimleiterin schiebt eine Serviette unter die Wurst und denkt sich ihren Teil. Wieder eine Siegerehrung. Hermann nimmt auf einmal die dunkelhaarige Pflegeschwester Jana wahr. Sie schaut nervös in die Runde. Neben ihrem Stand hat sich schon seit Beginn des Sportfestes die apathische Elfriede im Rollstuhl postiert. Elfriede starrt mit trübem Augapfel auf alle Notierungen der Jana. Bei der dritten Siegerfanfare hebt Elfriede ihren Arm. Sie scheint sich melden zu wollen, es geht ihr etwas durch den Kopf, sie möchte etwas sagen.

Vielleicht ist es eine solche Erinnerung, nach der Hermann eben fragte. Hermanns Blick heftet sich auf die beiden Frauen. Schwester Jana wird unruhig und redet auf Elfriede ein.Will Elfriede noch einmal den Ball werfen, fragt sich Hermann? Sie ist doch schon durch, hat ihre Disziplin tapfer und mit verkniffenen Lippen gemeistert. Oder will Elfriede die Siegerehrung einfach nur stören, weil sie nicht Siegerin wurde?

Wieder eine Siegerfanfare, wieder hebt Elfriede ihren Arm, die Hand bleibt steif. Hermann fixiert die Szene, hält sich ein wenig länger an der Elfriede fest, schätzt ihr Alter auf etwa 80 Jahre. Er sieht ihre lautlos sich bewegenden Lippen, sieht ihre gescheitelte Frisur, ihre einfarbige Bluse mit der Brosche am oberen Knopfloch, die sie sich wahrscheinlich mühsam selbst angesteckt hat, sieht ihre straffe, fast starre Körperhaltung. Ein wenig steif ist sie, denkt Hermann, und dann will er sich von Elfriede abwenden, hat sich sein Bild gemacht von der etwas verbittert wirkenden Alten mit dem teilnahmslosen Gesicht, trotz des Trubels.

Hermann will sich endlich um seinen Vater kümmern, an dessen Freude teilhaben. Und er denkt an die getauschten Plätze und die gespendete Kraft. Vielleicht entsteht etwas zwischen ihm und dem Vater zu dieser sportfestlichen Stunde, etwas über den Verstand hinaus gehendes.

Da ruft ihm der stille Beobachter zu: „Jetzt verpasst du was.“


18:02 23.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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