Der Gruß von Elfriede (Teil 3)

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Hermann hat dem Vater aber schon ein Zeichen gegeben, dass er jetzt zu ihm rüberkommen wird. Doch der Vater hat das Zeichen nicht bemerkt, er kann ja nicht mehr so weit und vor allem nicht mehr so deutlich sehen. Dafür sieht Hermann, wie sich wieder Elfriedes Arm marionettenhaft hebt und er hat auch den lakonischen Zuruf des stillen Beobachters nicht überhört, obwohl dessen Anwesenheit ihm nicht recht ist, schon die ganze Zeit stört ihn dieser Kerl.

Da ist jetzt also ein Moment entstanden, von dem Hermann nicht weiß, was ihn eigentlich antreibt. Und so lässt er den Vater warten, nimmt lieber erstmal die Gelegenheit wahr und versucht, sich behende und neugierig durch die Rollstühle bis in die Nähe von Elfriede und Jana zu zwängen.

Eben hat Hermann wieder so eine Bewegung in der alten Elfriede ausgemacht, kaum wahrnehmbar, mehr eine Vermutung als tatsächliches Geschehen. Hermann glaubt, einen Impuls, ein Zucken in der Elfriede zu bemerken, darüber will er Gewissheit und von der Jana geht doch auch eine körperliche Unruhe aus.

Schon drängt sich Hermann regelwidrig und noch dazu als Gastzuschauer ins Stadion unter die Rollstühle, kommt auch an den verdatterten Gymnasiasten vorbei, ist schon nahe dran an Elfriede. Da hebt sie erneut ihren Arm, den rechten, und sie streckt ihn lang und steif aus zur tönenden Siegerfanfare und ruft: „Heil Hitler, Heil Hitler“, dann presst sie die Lippen aufeinander.

Einen Augenblick schweigt der Menschenkreis um Elfriede und Jana still und betreten. Nur die Fanfaren schmettern weiter. Und endlich geht die Siegerehrung weiter, drüben bei der anderen Disziplin.

Schwester Jana hat auch in Richtung Stadioneingang schnell ein Zeichen gegeben. Man hievt die Elfriede deutlich hastig aus der Arena und rollt sie über die Flure auf Etage zwei. Elfriedes Körperhaltung wirkt unbeeindruckt, aber ihre geweiteten Augen deuten doch auf ihre aufflackernde Frage hin, warum sie so schnell wieder auf ihrem Zimmer angelangt ist und nun der Fernseher läuft. Ausschluss oder Disqualifizierung fragt sich seinerseits der Hermann und beides bucht er ab als Übertreibung, aber Elfriede hätte doch lieber lachen sollen, statt grüßen.

Nachdem Elfriede weggeführt wurde, kommt sich Hermann plötzlich deplatziert vor, Er lächelt schnell und milde gegen Jana, als sich ihre Blicke treffen und Jana weiß nicht, warum der Hermann eigentlich beinahe neben ihr steht. Sie schaut gleich wieder weg, guckt hastig zur linken Seite, wo der geladene Journalist der Regionalzeitung seine Notizen für den Artikel über das Sportfest ins Diktiergerät plappert. Ob er die Szene bemerkt hat?

„Lasst die braune Bluse nicht unbeobachtet“, lästert der stille Beobachter und zieht sich zurück.

Hermann zerkleinert die Bratwurst für den Vater und schiebt die Brocken in dessen zahnlosen Mund. Dem Sieger im Büchsenwerfen hat man eine zweite Wurst gegeben. Vielleicht war es die übrig gebliebene Bratwurst von der Elfriede.

Das Sportfest ist zu Ende. Durch die geöffneten Fenster dringt frischer Wind.

Hermann wird den Vater noch in den Rosengarten fahren und ihm die Frühlingsblüher zeigen. Danach wird das Mittagessen bereit stehen.

Und draußen in der Frühlingssonne sieht er, wie des Vaters Augen im seltenen Glanz leuchten und er in seinen steifen Händen einen kleinen Wurfball lächelnd versteckt hält.

Ohne den Gruß der Elfriede wäre das Sportfest schnell im Alltag vergessen. Wir wüssten nicht, woran ein paar Alte erinnert wurden. Und wir haben davon auch noch Hermanns schweren Atem am Küchentisch behalten, der hat seine Ursache auch in der Episode mit dem Gruß der Elfriede.

„Das ist doch jetzt dummes Gequatsche“ belfert der stille Beobachter.

Hermann überhört den Besserwisser, folgt seinen eigenen Gedanken.

Warum hat er eigentlich beim Sportfest nach den Jugenderinnerungen der alten Leutchen gefragt? Aus Neugier, aus Übermut, aus eitlem Gefallen, in die Leute hinein zu horchen? Wir werden hier nicht weiter spekulieren, es gibt zu viele mögliche Antworten dafür. Wir bleiben bei den Erinnerungen, die Hermann heraus gelockt hat und sie sind nicht null acht fünfzehn.

Die Elfriede hat sich ohne gefragt zu werden an den Hitlergruß erinnert. An den gestrigen Tag kann sie sich kaum erinnern. Der Adelbert erinnert sich an seine Jugend, die war ein paar Jahre grußlos geblieben hinter sowjetischen Stacheldraht und ohne Sportfest. Und Gertrud kann sich an kein Sportfest erinnern, weil sie nach der Zeit mit dem Hitlergruß eine neue Heimat suchen musste. Da war ihr nicht nach Sportfest. Und für Ewald bedeutet Sportfest immer antreten. Und er nennt sofort seine Häftlingsnummer 17318 und erzählt dem Hermann, wie er sich aus Angst in die Hosen machte, als er angetreten war hinter dem Tor mit jener Inschrift „Jedem das Seine“. Fortan sei die Angst in ihm geblieben und er ist nirgendwo mehr angetreten.

Hermann hat bald aufgehört mit dem Fragen, das störte doch ein wenig. Und die Antworten kamen auch beschwerlich. Und jetzt am Küchentisch erscheinen ihm die Antworten wieder im Gedächtnis und auch der Gruß von Elfriede, jene Erinnerung, die Hermann zu seiner eigenen Erinnerung mit einem Gruß führt, zu einem Sportfest in der siebenten Klasse, von dem Hermann plötzlich ausgeschlossen wurde, weil der Vater ihm den Kindergruß der neuen Zeit, den Pioniergruß „Seid Bereit - Immer Bereit“ verboten hatte, und auch noch Hermanns Mitgliedschaft in der Pionierorganisation wortlos annullierte.

Der Vater mochte die neue Zeit nach dem Krieg nicht und ergab sich biblischen Ideen. Er wollte den Sohn von der neuen Zeit fern halten, ihm dafür den Jehova näher bringen und begann das Näher bringen mit diesem Grußverbot und der wortlosen Abmeldung. Und die neue Zeit fand für diesen Fall auch keine richtigen Worte, nur dass Hermanns Namen mit einigen anderen vor den Schülern der Ernst-Thälmann-Schule vorgelesen wurde wegen der annullierten Mitgliedschaft. Er musste zum Fahnenappell vortreten wie ein Aussätziger. Hermann verstand das nicht, er hatte doch nichts Unrechtes getan, nicht gestohlen, nicht geprügelt, nichts zerstört, war pünktlich und ein fröhlicher Schüler.

Der Fahnenappell geriet zur Folter und er schämte sich und fühlte auf einmal Zweifel an diesem Vater und die Tränen liefen über sein Gesicht. Und zu Hause ging der Streit zwischen den Eltern tagelang nicht zu Ende, weil die Mutter den Hermann bei den Thälmann-Pionieren wieder anmelden wollte, aber der Vater das nicht duldete. Und Hermann bekam keine Antwort auf seine Fragen, warum der Vater wortlos und streng über ihn bestimmte. Hermann hat seitdem mehr zur Mutter gehalten.

Erst seit Hermann die schwierigen Seitenwege benutzt, gelangt er wieder zum Vater hin. Deshalb muss Hermann schwer atmen und manchmal sieht man ihm die Anstrengung an. So wie jetzt am Küchentisch mit der leeren Kaffeetasse.

So ist das also gewesen mit dem Hermann, damals und heute.

18:39 25.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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