Die Linden von Walbeck (Folge 2)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Als Trauergemeinde ist man

pünktlich, des Todes wegen. Der bleiche Geselle ist auch schon da. Er schaut über

die frischen und die alten Gräber seines Werkes und sieht noch viel freie Fläche

auf dem Walbecker Friedhofsrasen. Die kleine Kapelle auf dem Walbecker Friedhof

ist bald gefüllt mit Menschen an diesem 17. Februar des Jahres zweitausendundsieben.

Und auf dem Vorplatz stehen auch noch welche gedrängt in den Vormittag. Vielleicht

fünfzig, sechzig, das Kondolenzbuch ist keine Statistik. Der Wind weht

winterlich in die dunklen Mäntel hinein. Doppelte Kälte, sie lässt die Gemeinde

zittern. Den Hein freut das, aber er verzieht sich erst mal und lungert lieber auf

dem Pfeiler am Friedhofstor, von dort sieht er besser. Er hat so seinen Blick

heute. Zwischen den Pfeilern beginnt der Weg zur Kapelle, hundert Schritte Friedhofsallee,

Linden säumen rechts und links, kerzengerade, eine verlässliche Prozessionsstrecke.

Da ist Platz in der Länge für die Evangelischen und für die Katholischen und

für die Anderen samt Leichenwagen. Der hat den Sarg schon gebracht, rückwärts,

mit breiten Reifen und leise. Der Hein murmelt etwas vor sich hin. Er hat sich

das nicht selbst ausgesucht, heute hier in Walbeck. Aber es ist sein Job, und er

hat Routine. Und der Anfang ist gemacht. Welcher Anfang?




Doch jetzt ist Musik zu

hören, die Stimmung der Trauerfeier hat sich durch die schwarzen Lautsprecher nach

draußen gequält. Man soll über sieben Brücken geh’’n und sieben dunkle Jahre

übersteh’n. Aber wer will das schon?


Der alte Herr dort, im

bedingt beerdigungsgeeigneten hellgraublauen Anorak, er schließt seine Augen,

prüft mit den Fingern den Sitz der Bügelfalte der etwas kurz geratenen Hose und

heftet dann wieder seinen Blick auf die weiße Wand gegenüber. Er sitzt in der

Kapelle rechts, neben dem Sarg, windgeschützt. Vielleicht hätte er sich doch

lieber links hinsetzen sollen, links, wofür er immer noch steht, links, wo

immer der Sturmwind tobt. Jetzt schaut er auf den Sarg, da liegt sein Sohn

drin, sein Stiefsohn eigentlich, aber lange genug Stiefsohn und deshalb sein

eigen Kind.


Wir denken uns das so, weil

wir immer so etwas denken zu solch einem Anlass. Denn es geht uns um die Leich

da in dem Sarg drin, die hat uns bewegt, seit vielen Jahren, mal im Stillen,

mal mit Worten, aber immer auf ihre Weise. Dabei ist die Leich als Mensch, also

zu Lebzeiten, gar kein Bewegender, eher ein Freundlicher, ein Lieber gewesen, den

man gerne traf, der das alles gar nicht so haben wollte, wie es dann kam, aber er

musste fortan damit leben. Und immer wenn sein Name genannt wird, ist dabei

anwesend, was passierte, damals. Er hat einst, nicht mehr Knabe noch nicht

Mann, am elterlichen Küchentisch wie jeden Tag erzählt, was so auf dem Schulhof

gesagt worden war. Und er erzählt ein wenig unsicher, eher mit einem fragenden

Unterton, wie man als Spross einer politisch handelnden Familie reagieren soll

auf das, was geäußert wurde. Und er fragt, ob man das ernst nehmen oder unter

Blödelei abtun soll, und er zitiert, was ihn haltungsmäßig verunsichert.




Am Küchentisch also wechseln

ein paar Sätze den Besitzer. Und das Weitere ist dann nicht mehr aufzuhalten. Der

hellgraublaue Anorak hat die Sätze an sich genommen und ist zu Pilatus in die

SED gelaufen. Der kann eine Schuld finden. Die Arbeiterklasse wird bedroht,

lasset die uns nicht zerteilen.


Die Telefone schrillen, und

die Sätze vom Schulhof gehen durch Sonderleitungen.


Drei Sätze:

Bravo den Genossen, an der Mauer

wird geschossen.


Iss dein Pausenbrot und mach

die FDJ-ler tot.


Kommunisten sind auch

Verbrecher.


Das war’s.

Seitdem hat uns die Leich bewegt.

Wegen der Schuld, ob sie eine hat oder ob sie keine hat. Das ist bis heute

nicht geklärt. Eigentlich ist das nun auch nicht mehr wichtig. Heute wird sie

begraben. Asche zu Asche. Das will erzählt sein, sonst versteht das keiner.
12:24 20.02.2009
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Geschrieben von

utrolle

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