Die Linden von Walbeck (Folge 4)

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Weiß irgendjemand an den

Fronten eigentlich schon etwas über Konflikte und deren Lösungen? Wer Wen?

Sonst nichts. Wenn das man keine Grundhaltung ist. Das wäre aber schon eine

Menge, das reichte schon mal für eine Revolution 1917, zwar russisch, aber

immerhin. Wer wem 1962 während der Pause in der hitzigen Debatte was gesagt hat,

ist nicht vollständig überliefert. Sicher ist nur das erwähnte Unbehagen vor

Tarzans Fenster. Es geht ums FDJ-Hemd. Das ist blau und das soll jetzt jeder Schüler

tragen, jeden Tag bis zum Abschluss eines Friedensvertrages mit den

Siegermächten. So lautet die Losung und die Partei hat ja immer Recht, wo soll

da ein Konflikt sein? Da ist vielleicht nur ein schmutziger Kragen, weil man

nur ein blaues Hemd hat von Montag bis Samstag. Und dann, plötzlich, so in der

Hoffnung, alles abwehren zu können und eben vielleicht auch aus Unbehagen vor den

schmutzigen Kragen, feuert einer auf die Front der Antwortgeber die besagten drei

Sätze ab, diejenigen vom Küchentisch mit dem anwesenden hellgraublauen Anorak. Die

Wirkung bleibt nicht aus, das können wir uns vorstellen, aber die Hofpause ist jetzt

zu Ende.




Wenn früh in der Schule der

Unterricht beginnt und der Nebenmann fehlt, dann ist der krank. Oder die Züge aus

Roßla und aus Eisleben haben Verspätung. Das kommt gelegentlich vor. Es braucht

alles ein wenig Zeit an diesem Morgen in der Klasse 10 B, da sitzen nur Jungen

drin. Ein bisschen Unruhe hängt im Klassenraum und der Lehrer erscheint auch nicht

pünktlich. Wer will da etwas deuten? Da schreibt mancher lieber schnell noch

die vergessenen Hausaufgaben vom Nachbarn ab. Ein paar Schüler tragen heute ein

blaues Hemd. War das nicht das Thema von gestern, vom Schulhof?


Doch die drei

Sätze sind weg, sein Platz ist leer. Und die Zeit dehnt sich, bis der

Klassenlehrer erscheint. Der kann einem Leid tun. Der Klassenlehrer trägt einen

geschlossenen Mund und eine hellbraune Aktentasche. Er steht am Lehrertisch. Er

kann mit Kreide tolle Kreise zirkeln. Geometrische Figuren an der Tafel sind

seine Sache. Jetzt aber scheint er nach etwas zu suchen, steht häufig am

Fenster, die Hände nach hinten um die Hüfte, wohin sonst bei solcher Haltung.

Politik ist nicht seine Sache. Und so etwas gehört auch nicht in sein Fach

Mathematik. Er nimmt nicht gern die Faust. Er nimmt eher Worte und wippt auf

den Zehen, holt Luft durch die Nasenflügel, bevor er etwas sagt. Das ist wie

einen Abstand halten. Bloß zu wem
[U1]?



[U1]

22:05 23.02.2009
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Geschrieben von

utrolle

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