Die Linden von Walbeck (letzte Folge)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community


Somit haben wir also drei
tragische Figuren. Aber Helden sind sie nicht, jedenfalls keine richtigen
Helden, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Eine Siegesfeier findet
aber doch statt, Wochen später, in der Aula. Und dort wird noch mal gerichtet
über die Sätze und den Hetzer vom Schulhof von einigen älteren Helden, die
kommen aber von auswärts, und die waren gar nicht dabei gewesen.


So ist das eben, und wir wollen
uns darüber nicht mehr ärgern und erzählen davon nicht weiter, wir lassen das
lieber mit der Siegesfeier. Sie führt bloß weg von Walbeck und der Klasse 10 B,
in der jetzt zwei Schüler für immer fehlen und einer einige Tage lang rumläuft
wie Falschgeld. Das ist wieder so eine Vermutung, denn wie Falschgeld rumläuft,
wissen wir nicht richtig. Und wie dem Klassenlehrer zumute ist, können wir auch
nur annehmen. Er soll einem Leid tun, haben wir weiter vorn gesagt, das ist ein
bisschen übertrieben und nur so daher geredet, weil man geneigt ist, mit solchen
Worten im Allgemeinen das Thema zu wechseln oder gar zu beenden. Aber das geht
nicht, da ist noch der Hein auf dem Friedhofspfeiler bei den siebzehn Linden. Seine
Gegenwart stimmt uns nachdenklich. Was will denn der in einer politischen
Geschichte?




Wir gehen noch einmal näher
ran an das Geschehen vom Schulhof. Man soll ja immer einerseits und
andererseits denken. Einerseits haben wir schon, aber das Andererseits haben
wir bisher ausgelassen, weil es eventuell Mühe bereitet, so ahnen wir
jedenfalls. Und wir sagen uns auch zur Entschuldigung, das Andererseits sollte
sich doch jeder selber zu recht denken, jeder selber, so nach seinen
Fähigkeiten, oder nach seinen Bedürfnissen.


Doch wir haben davon
angefangen und da wollen wir nicht kneifen und keinem vorenthalten was wir andererseits
nach unserem Bedürfnis noch zu erkennen glauben. Wobei ‚erkennen’ hier nicht ganz
zutreffend ist, vermissen kommt der Sache näher. Wir vermissen also die andere
Seite in dem geschilderten Fall. Wir vermissen etwas von dem verstoßenen Schüler,
von seinem Leben nach seinem wütenden Gebelfer gegen die Blauhemden. Wir haben ihn
zu schnell nicht wieder gesehen, wir haben ihn nicht mehr sprechen hören. Wir
wissen nicht, wie er am nächsten Morgen denkt, als er nicht mehr zur Schule
gehen kann. Ist er traurig oder hat er Angst? Wie fragt man ihn nach seinen
Beweggründen? Was antwortet er und was denkt er dabei? Fühlt er sich vor
Gericht allein gelassen? Warum hat er sich nicht schlauer gewehrt gegen die
Blauhemdaktion? Was hat er für eine Meinung von seinen Mitschülern aus der 10
B?




Da sitzen wir ziemlich still
an dieser Stelle unserer Geschichte.


Es liegt wohl an dem
Andererseits und an der Leich. Sie beide machen uns grübeln und etwas
unzufrieden. Wir holen uns vielleicht doch eine Hilfe, also wieder so eine
Annahme, dass doch noch etwas der Erwähnung wert ist, das wollen wir jetzt versuchen,
und das erleichtert uns den weiteren Weg. Der läuft aber jetzt steil ins Nichtseiende,
ins Übersinnliche, in die Gefilde der Vermutung. Vielleicht, so vermuten wir,
vielleicht hat es nach den Sätzen auf dem Schulhof, wenigstens ein paar Tage
später, nach der Depression, einen Wutausbruch, einen Schrei des Schülers gegeben.
Das kann man sich doch vorstellen. Wo soll denn der ganze gestaute Abscheu des
Jungen gegen die Blauhemdwelt sonst hin? Er hat vielleicht auch geweint, gejammert,
geflucht. Er hat vielleicht gerufen, HErr, bleibe bei mir…!


Nein, das hat er sicher nicht,
er ist noch zu jung für solch einen Anruf und muss, soviel wissen wir, nach den
dramatischen Wochen überhaupt nicht ins Elend. Er schimpft sich aber einen
Blödmann, der sich hat hinreißen und dabei erwischen lassen. Da dreht er sich dann
weg von dem HErrn und ruft in die andere Richtung: Der Teufel soll sie alle
holen!


Der hat das gehört. Und deshalb
ist er da in dieser Geschichte und lungert auf dem Pfeiler. Er hat sich allerdings
viel Zeit gelassen. Vielleicht so eine Art Bedenkzeit. Was wissen wir schon, wo
dieser Hein alles umgeht, er hinkt ja. Da sollte man großzügiger sein mit der
Zeit. Und der Hein selber hat das ja auch anfangs gar nicht glauben wollen,
dass er sie alle holen soll, und hat noch mal nachgefragt, ob mit ‚sie’ die
Klasse 10 B gemeint ist und ob er ‚sie’ alle auf einmal oder nacheinander und
in welcher Reihenfolge. Und überhaupt, warum? Weil sie alle in der Klasse schließlich
gleichgültig sich geduckt haben und das Blauhemd anzogen?




Aber heute nun ist der
Anfang gemacht. Hein hat den ersten von dieser Klasse herausgeholt aus dem
Leben, bei vollem Bewusstsein. Gerade dieser eine, das ist die Bedingung
gewesen. Dieser soll der erste sein. Eben der besondere Anfang. Also Vergeltung?
Hein hat sich daran gehalten. Wir können das nicht mehr verhindern. Er kann
jetzt abzählen. Und wir haben eine Unruhe im Nacken. Alles liegt in seinem
Ermessen. Aber ein wenig muss er sich auch mit dem HErrn arrangieren, vermuten
wir noch und trösten uns erstmal.


Die Trauerfeier ist zu Ende.
Die Gemeinde braucht nicht länger zu frieren. Die Leich sowieso nicht. Sie rollt
auf Gummireifen. Trost spenden die nicht. Mit der Leich rollt auch die Schuldfrage
weg, scheinbar wenigstens. Jetzt fürchten wir mehr das Abzählen. Der
hellgraublaue Anorak ist raus aus der Friedhofskapelle, steht abseits. Wir
wollen auch nicht länger bleiben, Freund Hein könnte uns vielleicht vormerken, für
seine Reihenfolge, wir wissen doch. Und da entfernen wir uns schnell aus
Walbeck. Am folgenden Tag, so wird berichtet, soll auf der Friedhofsallee die
erste Linde gefällt worden sein, von unsichtbarer Hand. Wann folgt die nächste?
Wir fragen jetzt öfter so
[U1].



[U1]
14:16 26.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

utrolle

Autor
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare