Die Zigarre (Schluss)

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Etwa zu jener Zeit, als die drei Jungen schier hoffnungslos gegen das Feuer kämpfen, zu dieser Zeit verlässt die Magd Erna ihr Haus in der Haide und geht mit der Kiepe auf dem Rücken über den Sandweg dem Tal zu. Sie wird die einzige Zeugin des Geschehens sein. Von weitem bemerkt sie am unteren Waldhang Rauch aufsteigen. Erna geht vom Weg ab und sieht nach einigen Metern ein Grasfeuer und drei Knaben dabei. Sie denkt sich, es ist doch kein Frühjahr. Denn nur dann brennen die Dörfler hin und wieder an den Feldwegen das dichte vertrocknete Gras ab. Sie bleibt nochmals stehen, schaut, sieht die Kinder und erkennt endlich die Gefahr, ahnt wohl die Not und rennt los. Sie wirft die Tragekiepe von den Schultern, erreicht laut Feuer schreiend die ersten Häuser des Dorfes am Haideweg.

Ein paar Frauen hängen maulfaul in den Fenstern. Sie geben sich Zeichen und grinsen. Erna gilt im Dorf als ein bisschen Plemplem. Da denken sich die Weiber in den Fenstern ihren Teil und überhören Erna. Erna rennt weiter bis zum Haus ihres Dienstherrn, dem Großvater, der steht immer noch im Torbogen und wartet auf die drei Kinder. Es ist fünf Uhr nachmittags, vorbei, aber das hatten wir bereits. Da kommen auf der Straße auch schon ein paar Männer eilig und mit Schaufeln. Sie deuten mit den Armen nach oben in den Rauch, der aus der Ferne kommt und es gehen ein paar Worte hin und her. Der Großvater hastet in die Scheune, greift das Fahrrad und ächzt den Männern hinterdrein. Er schafft es bis zur ersten Steigung, da kommt ihm der Mittelste heulend entgegen gerannt. Der Großvater keucht, holt mit dem Arm aus, der Junge entweicht der Ohrfeige und stürzt heim. Der Wiesenbauer von nebenan spannt sein Hornvieh vor den Wagen. Man hat ihn wachgerufen durch das Fenster und er folgt nun den Rennenden so mählich es eben die Ochsen können.

Nach einer langen Stunde kehren alle zurück. Der Kleine liegt ausgestreckt und blass auf dem Wagen mit dem Wasserbehälter, unter dem Kopf eine angekohlte Decke gegen das Rütteln der starren Räder. Vor dem Tor der Großeltern bleibt man noch eine Weile stehen, es gehen die Gespräche mühsam, dann verlieren sich die Leute. Der Amtmann setzt am Abend ein Protokoll auf. Die Großmutter jammert zum erbarmungslosen Gott. Die beiden großen Kinder werden in der langen Zinkwanne mit Kernseife geschrubbt. Den Kleinen steckt man bleich wie er ist ins Federbett. Die Großmutter gibt ihm Kampfer in den Tee, salbt Arme und Beine mit Aconitöl ein und tränkt den Brustwickel mit Kamille. Später schiebt der Große das Nachtgeschirr noch unters Bett des Kleinen. Am nächsten Morgen sieht der Mittelste, wie der Großvater heimlich hinter dem Haus eine Schachtel in die Jauchegrube wirft.


Die alte Frau hatte aufgehört zu erzählen. Wir schwiegen eine Weile, dem Nachhall ihrer Geschichte lauschend. Als ich mich von ihr verabschiedete, erschien am Tor des Hofes ein Mittfünfziger. Nach kurzem Zögern kam er auf uns zu. Die Alte sagte schnell zu mir: „Das ist der Kleine.“ Der richtete seinen Blick auf die Greisin, legte seinen Arm um ihre Schultern und scherzend fragte er mich: „Na, hat sie Ihnen die Geschichte von der Zigarre erzählt?“

18:23 14.11.2009
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Geschrieben von

utrolle

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