Die Zigarre (Teil 1)

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Vor einigen Jahren erzählte mir eine betagte Frau eine Geschichte über drei Jungen aus ihrem Dorf, in dem sie seit Ewigkeiten lebte. Ich hörte der Alten mit wachsender Neugier zu, da mir das Dorf und viele seiner Bewohner von Kindesbeinen an vertraut sind, das Geschehen, von dem die Alte erzählte, mir aber auf seltsame Weise verborgen geblieben war. Es ist eine wahrlich beseelende Geschichte und die Alte erzählte sie ein wenig nachdenklich, ja mit einem milden Lächeln, als ob sie froh war zu berichten. Und als sie zum Ende kam, verstand ich ihr Lächeln, das sich über den bitteren Ernst ihrer Worte gelegt hatte. Ihr Lächeln hatte etwas Befreiendes. Es wirkte noch nach den vielen vergangenen Jahren, noch in der späten Erzählung wie ein mit bloßen Worten dem Schicksal abgerungenes, ein erflehtes Wunder, das die tödliche Gefahr abwehren sollte, welche an jenem längst schon vergangenen Tag des Geschehens über drei Jungen aus dem Dorfe lag und vielleicht doch nur dank ihres von panischer Angst angefachten und fast aussichtslosen kindlichen Mutes nicht in der Katastrophe endete.


Das Dorf, in dem diese Geschichte handelt, liegt mit seinen Häusern und Katen flach gegen eine sanfte Anhöhe, verbirgt sich vor flüchtigen Blicken hinter Pappeln und Obsthainen. Die Einheimischen prüfen mit ihrem Blick zuerst das Wetter und dann den Anbau auf ihren Feldern und nehmen selten Gelegenheit, ihr Dorf von weitem zu betrachten. Fremde hingegen, die sich dem Dorf auf der Straße von Nordost nähern, schauen meistens und mehrmals auf die wuchtig beeindruckende, blauschwarze Silhouette der Kyffhäuserberge am westlichen Horizont, bevor sie das Dorf überhaupt ausmachen. Da wird das Dorf also leicht übersehen, es bleibt fast unbemerkt. Und ein schmaler Riedfluss drängt obendrein die Häuser hinter seine grünen Ufer, hält sie seit eh und je fest, wie an einer heiligen Grenze. So steht das Dorf seit Jahrhunderten mit Mann und Maus hinter dem Fluss. Nur zwei Häuser wagen es, gleichsam als Torwächter an der anderen Uferseite zu stehen, dort, wo die einzige, winzig enge Straßenbrücke den Zugang zu der Ortschaft freigibt. Über diese Brücke drängen sich von Zeit zu Zeit die Kühe und Schafe, um auf ihre fetten Weideplätze zu gelangen. Enten und Gänse haben es bequemer. Sie watscheln auf schmalen Stegen, die von den Bauerngärten über das Flüsschen herüber reichen zu ihren Gräsern oder sie schwimmen mal mit, mal gegen die Strömung des Flusses, den Grund und das Ufer stets im Auge. Gegen Abend sammelt sich ein großer Haufen Federvieh im Oberdorf am flachen Hang und kommt satt gefressen in langer Reihe den Weg vom Fluss herauf. Die Übermütigsten erheben auf der Dorfstraße ein lärmendes Geschrei, winden sich schwerfällig mit langen, weiten Schwingen ein paar Meter in die Höhe und fliegen, den Hals steif nach vorn gerichtet ihrem Hoftor entgegen.

Alljährlich im Frühjahr und Herbst schwillt das Flüsschen gewaltig an. Es kann die Unmengen des Wassers von den Bergen und aus den Wolken nicht mehr zwischen seinen Ufern bändigen und verwandelt das Land ringsum in weite, flache Seen. Wer um diese Jahreszeiten ins Dorf gelangen will, muss über eigens betonierte Stege turnen. Ganz ohne nasse Füße geht es dennoch nicht ab, wenn an einem der von der Straße abgehenden Wiesenwege vergessen wurde, die hölzerne Notbrücke aufzulegen.

Das Hochwasser sättigt die Lehmböden im Übermaß mit Feuchte. Äcker, Wiesen und Haine gedeihen davon üppig. Ist das Wasser fort, schätzt man den Schaden, das geht am schnellsten, und danach wird gepflanzt, gesät, gehackt, gemäht, geerntet, manchmal auch gebetet. Das Dorf kennt weder Not noch Reichtum. Es leistet sich eine hübsche protestantische Kirche und eine Schule bis zur vierten Klasse. Wer mehr lernen soll, läuft zur Schule ins Nachbardorf. Danach reicht die Bildung aus, um sich und seine Familie durchzubringen. Schon seit je her hat das Dorf Bäcker, Müller, Fleischer, zwei Kaufmannsläden, einen Schlosser, einen Schmied, einen Dreschplatz und eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal für die Kirmes. Beim Bürgermeister steht ein Telefon und die Kinder bolzen am Samstag Fußball auf der Pferdekoppel. Einzig das Schloss verfällt ein wenig. Es ist auch schon einige Jahrhunderte alt. Was soll man da noch machen?

19:01 05.11.2009
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Geschrieben von

utrolle

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