Die Zigarre (Teil 2)

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Jener Tag nun, von dem hier in der Geschichte die Rede ist, lebt im Sommer. Die Sonne steht schon am frühen Morgen heiß in der Luft und an einigen Häusern des Dorfes verriegelt man bereits gegen zehn Uhr die Fensterläden wider die Hitze. Regen ist seit drei Wochen nicht mehr gefallen. Die Bauern freut es, ihr Korn steht leicht wogend in vollen Ähren, verschont von den sonst nieder peitschenden regenschweren Böen aus der Ebene. Die Sperlinge tschilpen auf den Stromleitungen und warten auf die baldige Ernte.

Staub säuselt an jenem Mittag an den Häusern der Dorfstraße empor, das lässt nichts Gutes ahnen. Draußen über den Fluren drehen dicht über den Wegen heiße Winde und wirbeln zitternde Luft in die Höhe.

Ein paar Kinder hangeln sich munter am Flussufer entlang. Sie vermeiden den öffentlichen Wag, klettern über Weidezäune, kriechen unter den Büschen der Gärten hindurch, wollen schnell zum Wehr, dort ist die Badestelle. Das Flüsschen führt um diese Jahreszeit mäßig Wasser, da ist auch die Strömung am Überlauf des Wehres gering und das halbe Dorf hat seine Kinder getrost zum Baden gehen lassen, auch die Nichtschwimmer. Wer bereits im Wasser war, hängt seine nasses Badezeug in das Gezweig der Haselnusssträucher, der Sonne entgegen.


Drei Jungen gehen von der Badestelle weg, schwenken ihre Badehosen, in die sie dünne Äste gespreizt haben, wie Netzte zum Trocknen in der Luft. Einer hat sich das Badetuch unter den Arm geklemmt und der größte von den Dreien wickelt sich die Decke wie ein Muselman um Kopf und Bauch. Der Kleinste trippelt hinterher, dem Großen vertrauend, der soll auf ihn aufpassen. Und sie gehen merkwürdig tuschelnd von der Badestelle weg, entfernen sich über die flache Wiese. Ein dickes Mädchen ruft ihnen hinter her, frozzelt, ob sie denn schon nach Hause müssten, vielleicht die Käse zählen. Der Große macht eine abfällige Armbewegung zurück zu dem dicken Mädchen und alle drei gehen trotzig weiter, verschwinden hinter der Flussbiegung aus den Augen der anderen. Es ist nicht der kürzeste Weg zum Dorf.


Im Dorf ist es in den meisten Familien Brauch, ihren Kindern anzusagen, wann sie nach Hause kommen müssen. Andernfalls entsteht Unruhe in den Wohnküchen und Zank, ab welcher Verspätung der Vater losgeht, um die ungezogene Brut einzusammeln. Mitunter muss man auch suchen, was das Schlimmere ist, weil das Milchvieh eigentlich jetzt gemolken werden müsste. Später dann gibt es hinter dem Hoftor schon mal ordentlich Kloppe. Besonders an Nachmittagen wie heute, an solchen heißen Badetagen, wo das Dorf wie ausgestorben lahm liegt und durch die Hitze seine Bewohner von unnötigen Bewegungen abgehalten werden, entsteht dennoch eine merkwürdige Nervosität an den Hoftoren, die öfter auf und zu gehen, als an normalen Tagen. Es halten sich in den Mauern des Dorfes die uralten Mären vom Ertrinken, wenn man mit vollem Bauch baden geht, von Strudeln und unsichtbaren Strömungen, die selbst guten Schwimmern den nassen Tod gebracht haben sollen. Da ist also die Angst schnell im Nacken und das Fluchen folgt, wenn die Kinderschaft nicht pünktlich sommernachmittags um Fünf vom Baden zurück durch die Hoftore schlüpft.


Die drei Jungen sind lange vor dieser Uhrzeit von der Badestelle am Wehr weg gegangen und haben inzwischen das freie Feld erreicht. Ihr Weg führt den Feldrain entlang, hinauf zur nahen Haide, einer waldigen Anhöhe, gut einen Kilometer vom Dorf entfernt. Hier entlang gehen meist nur die Öbster zur Kirschen- und Pflaumenzeit, wenn sie ihre Leitern anstellen wollen. Je näher der Wald rückt, umso schmaler wird der Weg. Das hohe Gras beiderseits deshartbraunen Lehms hängt dicht und trocken. Niemand schwingt hier die Sense. Feldmäuse und Hamster sind hier zu Hause. Die drei Jungen fühlen sich ungestört.

10:03 07.11.2009
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Geschrieben von

utrolle

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