Die Zigarre (Teil 3)

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Der Große hält inne, setzt sich auf seine Badedecke, nimmt mit verschmitztem Lächeln aus der Brusttasche des Hemdes eine Zigarre, die hat er dem Großvater aus der Schachtel entwendet. Er hält die Zigarre vor Mund und Nase und mit wichtigtuerischer Miene saugt er den Geruch von dem bräunlichen Ding auf. Der Kleine schaut ein wenig verwundert auf den Großen, dessen Gebaren ihm seltsam und unbekannt ist und hüpft dann, an der Zigarre nicht interessiert und nichts ahnend auf seinen dünnen strumpflosen Beinen am Weg hin und her. Er zupft einen langen Halm, knickt ihn am Knoten ein, steckt ihn sich zwischen die Lippen.

Die Rispe schaukelt.

Die beiden Älteren haben die Zigarre angezündet. Sie glimmt und die Jungen begeistern sich am dünnen graublauen Rauch. Der Große äfft nach, wie der Großvater an der Zigarre zieht. Sie lachen alle, auch der Kleine, und kichern über den nachgeahmten paffenden Großvater.

Der mittelste der drei Jungen nimmt die Zigarre, will es dem Großen nachmachen. Er steckt das angeschnittene Ende in den Mund, hält die Zigarre mit den Zähnen. Einen Augenblick lang steht er vor den anderen in regloser Pose, schmeckt, fühlt, hat den Dorfschmied am glühenden Koks vor seinen Augen, so stark wie dieser will er sein. Er winkelt den Arm an, ballt die Faust und zeigt die Muskeln auf seinem Oberarm. In der rechten Hand hebt er den unsichtbaren Schmiedehammer.

Der Kleine gafft mit offenem Mund.

Der Große sieht Speichel aus dem Mund seines jüngeren Bruders tropfen, fürchtet um die trockene Zigarre, will protestieren, da hustet der Jüngere schon laut und die Zigarre fällt ins hohe Gras. Er spukt angeekelt aus und klagt verächtlich und enttäuscht. Halb lachend halb weinend spürt er einen widerlichen Geschmack und wischt die Spucke mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Um seinen Mund färbt sich die Haut schmutzig. Der Große tadelt, lästert lautstark und herrisch, nimmt die Zigarre wieder auf, prüft die Glut und pafft ein paar Züge. Er pafft langsam, bläht seine Backen und pustet den Rauch scheinbar genüsslich in die Luft. Er hält die Zigarre zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger, den Unterarm lässig über das Knie gelegt.

Der Kleine schaut still von der Seite.

Bald darauf hat sich der mittelste Junge von seinem Schreck über den beißenden Geschmack erholt. Er sieht wie der Große raucht und nicht den Mund verzieht, fragt, hört sich dessen Belehrung an und merkt sich, die Zigarre nur zwischen den Lippen zu halten, damit sie nicht nass wird und nicht bitter schmeckt. Er will es noch einmal versuchen, macht ein Zeichen zum seinem großen Bruder, ihm jetzt die Zigarre zu geben. Dem ist es recht, da ihm die Zigarre eigentlich auch nicht schmeckt. Aber es ist seine Idee mit der Zigarre gewesen, er ist der Große, der Anführer, da will er keine Schwächen zeigen, und mit einer seitlichen Kopfdrehung, als verscheuche er eine lästige Fliege, spukt er ungesehen ins trockene Gras. Die Zigarre reicht er dem Mittelsten, die Asche bricht ab und fällt geräuschlos nach unten.

Der Kleine nölt und will nach Hause.

Die beiden Älteren schimpfen auf den Kleinen, nennen ihn Memme und einen Schlappschwanz, und er soll gefälligst die Klappe halten und warten, sonst gibt’s eine Kopfnuss. Der Mittelste hängt sich erneut gestenreich die Zigarre zwischen die Lippen so, wie ihm gesagt worden war. Er zieht kräftig, die Zigarre knistert und die Glut leuchtet rot auf. Der Rauch fährt dem Ahnungslosen in seine Lunge. Mit aufgerissenen Augen löst sich ein Schrei und er hustet qualvoll graue Luft aus seinem Mund. Er fasst sich mit verzerrtem Gesicht an den Hals, stammelt etwas von Brennen in der Kehle und rutscht dann verkrümmt und röchelnd in sich zusammen. Der große Junge ist ärgerlich aufgesprungen. Aus der Zigarre im Gras zieht ein blauer Rauchfaden steil nach oben.

Der Kleine bettelt, er will umkehren und nach Hause gehen.

Der Große ist unschlüssig. Die Sache mit dem Rauchen ist also daneben gegangen, es ist aber noch Zeit für einen Umweg, sonst wären sie weit vor fünf Uhr zu Hause und müssten Fragen beantworten. Er nimmt das Badezeug auf, zertritt die Zigarre, und stößt sie mit der Schuhspitze weg. Sie warten noch einige Augenblicke, bis der Mittelste sich erholt hat und nicht mehr aus der Brust pfeift, dann gehen sie hintereinander und als wären sie unsicher den schmalen Weg Richtung Haide weiter, der sich nach einigen Dutzend Metern teilt. Links wollen sie dann abbiegen, da geht es den Berg schräg hinauf, da hat man einen Ausblick auf das Ried.

Der Kleine geht hinter den beiden älteren und ist froh.

An der Weggabelung bleiben sie noch einmal stehen, schauen zurück und erschrecken. Sie sehen Rauch aufsteigen, dort wo sie vor einigen Minuten noch lagerten und sich an der Zigarre versuchten. Die beiden Größeren rennen zurück.

Der Kleine ahnt Böses und fängt an zu heulen.

22:01 09.11.2009
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Geschrieben von

utrolle

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