Die Zigarre (Teil 4)

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Der Große ergreift hastig seine Badedecke und versucht, die Flammen zu ersticken. Der Mittelste soll es ihm mit seiner Decke nachmachen. Aber vergeblich, der Luftzug facht neue Flammen an, der Feuerkreis wird größer. Dichter gelblicher Rauch quillt aus dem Gras. Die Flammen züngeln durch das Laub in den Wald. Das Feuer beginnt hie und da zu prasseln. Jetzt brennt auch das Gras an der anderen Wegseite. Der Kleine will mithelfen, stampft mit seinen Schuhen auf den Flammen herum, will sie ersticken, doch unter dem Gras schwelt es dick qualmend weiter, Flammen schlagen immer wieder hoch. Die Schuhe des Kleinen sind heiß geworden, die Haut an seinen Beinen ist aufgeplatzt, er atmet schwer, Qualm beißt in seinen Augen. Er schreit, heult, jammert, tritt wie wild auf das brennende und schwelende Gras.

Was weiß der Kleine vom Qualm?

Er hört auch die beiden anderen schreien, ruft voller Angst immer wieder nach dem Großen. Der Qualm umhüllt seinen kleinen Körper, Feuerfunken tanzen, Blut rinnt die Beine herab, es flimmert vor seinen Augen, er versteht das nicht, hustet, stampft, hustet, stampft und fällt auf einmal röchelnd in die heiße, schwarze Fläche.Der Große schreit auf, sieht den Kleinen nicht mehr, rennt in den dichter werdenden Qualm, zieht den Kleinen an den Armen aus dem brennenden Gras. Die nackten, schmutzig verschmierten Beine schleifen auf dem Weg.

Dort bleibt der Kleine reglos liegen.

Der Mittelste schlägt weiter auf die fressenden Flammen ein. Seine Kräfte erlahmen, seine Hose ist angesengt. Er sieht den Kleinen wie tot liegen, da beginnt auch er zu heulen, schlägt mit der zerfetzten Decke wieder heftiger, schiebt mit seinen Füßen Glut weg, schlägt wieder und wieder auf die knisternden Flammen, das Gesicht voller Schlieren. Dann rennt er plötzlich los, dem Dorf zu, will Hilfe holen. Der Große kann ihn nicht zurückhalten.

Der Große scheint wie besessen, erstickt das Feuer wo er kann, schlägt voller Hast mit der Decke auf die glühenden Äste und schwelenden Grasbüschel. Ihn peitscht die Angst… das Feuer… der Kleine… wie soll er das zu Hause erklären? Er muss alles ungeschehen machen, er muss alle Flammen ersticken, alle, alle.

Da dreht der Wind, treibt die Flammen vom Wald weg. Die letzte Flamme erlischt endlich unter den rasenden Schlägen des großen Jungen. Das Trockengras schwelt noch eine Weile. Aus der schwarzen verbrannten Fläche treibt in dichten Schwaden der Qualm haushoch über den Wald hinweg zum Dorf. Der Große schleppt sich an die Böschung, wo der Kleine liegt und fällt auf die Knie und beginnt laut zu schluchzen. Über seine Wangen rennen die Tränen. Männerstimmen kommen näher. Der Wald schweigt.

11:12 12.11.2009
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Geschrieben von

utrolle

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