Hermanns Brief (1)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Hermann hat sich in den letzten Jahren ein wenig verändert. Das mag an seinem Alter liegen. Oder an den Veränderungen der Zeit, sagt er selber über sich. Ja, solche Sätze gefallen dem Hermann. Sie haben es in sich, sie haben etwas Philosophisches, etwas Nachdenkenswürdiges in sich.

Eigentlich haben sie nichts in sich, besagen nichts Neues, besagen sogar das allgemeine Gleiche, nur von anderen Blickwinkeln gesehen. Das Leben, so sagen diese Sätze, bewegt sich in der Zeit und Alter ist eine Zeit und Zeit ist Veränderung. Mit solchen Sätzen kann man sich wichtig machen. Aber das will Hermann nicht. Er will nur aufschreiben, was ihm manchmal so durch den Kopf geht, was er gelegentlich beobachtet, an sich und an anderen und um ihn herum. Und meist ist es etwas, worüber er früher zum Nachdenken keine Zeit fand, oder es gar nicht bemerkte, oder vielleicht anderen Gedanken nachhing. Das ist jetzt also Hermanns Welt. Diese Welt ist alles. Das hat auch schon mal jemand gesagt, was der Fall ist.

So einen Fall hat der Hermann nun vor sich liegen, einen Brief, den er vor langer Zeit erhielt. Den Brief hat er aufgehoben, weil er ihn beantworten wollte, seit mehr als vierzig Jahren schon. Es gibt mehrere solcher Briefe, die Hermann schon immer beantworten wollte, die in Sichtweite geblieben sind, in Sichtweite und in einer Art stummem gegenseitigen Einverständnis zu ihrem lagernden Dasein. Es hat sie niemand außer Hermann jemals gelesen. Sie haben ihren Platz in seinem Briefständer nicht verlassen können, weil, wie wir feststellten, Hermann sich erst in den letzten Jahren ein wenig verändert hat. Veränderung ist also der Grund für die Antwort. Da könnte auf Hermann also noch etwas zukommen. Seine Antwort ist sehr viel länger als der Brief selbst. Hermann könnte doch statt des Briefes eine Email senden, denken wir, oder seine Antwort ins Netz stellen, aller Welt kurz und bündig mitteilen, was er seit mehr als vierzig Jahren fertig bringen wollte. Aber er fürchtet, irgendwelche aus der community lassen darauf kommunikative Fürze ab, geben schmähende Hinweise, und verbergen sich dann hinter ihrer Anonymität. Hermann hat so seinen vorsichtigen Abstand zu der elektronischen Öffentlichkeit, er ist in manchen Dingen doch lieber in der alten Zeit und er möchte den Federhalter benutzen. Und wir, wir wollen Hermann nichts vorschreiben. Wir sind höflich und wollen nicht zuviel von Hermann verlangen. Aber erwarten können wir seine Antwort schon. Wozu hebt er sonst solche Briefe auf?

Mein lieber alter Freund!

Sangerhausen liegt nicht weit von Naumburg, schreibst Du und ich sollte doch den Weg dahin finden. Meinetwegen. Aber ich sage Dir, Sangerhausen ist durch das Rosarium und die romanische Pfeilerbasilika genauso bekannt wie Naumburg. Ich möchte doch lieber hier bleiben. Natürlich hast Du Recht. Naumburg hat Ekkehard und Uta am Westchor des Doms, die werden in jedem Schulbuch erwähnt. Naumburg hat Nietzsche. Nietzsche war dort Gymnasiast, ab 1855, als es in Sangerhausen noch kein Gymnasium gab. Naumburg punktet damit etwas. Doch bedenke, Sangerhausen hatte den für uns legendären Buchhändler Alban Hess. In dessen St.-Michael-Buchhandlung gab es Nietzsche selbst in Zeiten sozialistischer Hochblüte, z. B. 1963/64. Ich entdeckte damals den Nietzsche, gedruckt natürlich als Zarathustra, konspirativ-antiquarisch, ohne Buchrücken, zerlesen, vergilbt, unterstrichene Textstellen, Vorkriegsausgabe, die Namen des Vorbesitzers im Frontispiz. Und es gab dazu Alban Hess’ geflüsterte Mahnung, den von der Obrigkeit unerwünschten Handel mit Nietzsche und seinem Zarathustra doch lieber zu verschweigen und an meine Herrschaften Eltern bitte einen freundlichen Gruß. Meine Hand lag zwischen seinen warmen, durchaderten Händen. Welcher Mut von beiden Seiten. Der alte Hess riskierte hässlichen Besuch in seiner Buchhandlung, und ich ein schweißtreibendes Gespräch bei der Direktorin der Erweiterten Oberschule Frieda Loewe. Aber vielleicht ist das übertrieben. Denn in Deinem Bücherschrank stand der Zarathustra seit Jahren schon unbehelligt hinter Scheibengardinen, und manches andere noch, womit wir Jungen uns bildungsmäßig nicht befassen sollten. Meinem Willen zur Vorstellung einer eigenen Welt hat das eher ein Bildungsziel gesetzt als ihn unterdrückt. Schon der lüsterne Einkauf des Zarathustra jedenfalls war dem geschuldet. Zarathustra wechselte für ein paar Groschen aus dem verstaubten Regal eines christlichen Buchhändlers in den Lederranzen eines sozialistischen Halbwüchsigen. Zarathustra betrat ideologisches Feindesland. Er kam durchs Kylische Tor. Gab es das in Naumburg?

Der Alban Hess hat mit und in seiner winzigen Buchhandlung unseren Drang nach der weiten Welt mit Büchern entschädigt. Ja, ich weiß, jetzt wirst Du sagen, alle Reclam-Bändchen für den Deutschunterricht haben wir bei ihm in seiner Buchhandlung erhalten, den Wallenstein, die Effie Briest oder den Grischa. Ich meine aber auch die damals angesagten Autoren wie Camus, Sartre, Sagan, Saint-Exupéry…

Was komme ich Dir mit solchen Erinnerungen? Sie sind so langweilig wie ein Oktoberregen. Und ich will Dir ja etwas über den Zarathustra erzählen, auf den Du mich damals hingewiesen hattest, wie immer in Deinem unnachahmlichen, etwas überheblichen Tonfall. In meiner Erwartung auf diese Lektüre lag eine unbändige Neugier. Es war wie der Besitz einer verbotenen Frucht.

Vordergründig galt der Zarathustra uns gymnasialen Möchtegernen als Geheimtipp, als Aushängeschild einer Scheinbildung und coole Quelle mannhafter Zitate:„Du gehst zu Frauen? Vergiss…“. “Wickle sie ein und halte ihr den Mund...“.„…alles am Weibe hat eine Lösung: sie heißt Schwangerschaft“. Eigentlich nichts weiter als ein primitiver Leitfaden für die Phantasien dumpfer, handbetriebener Ejakulanten. Im Geschlecht sollte der Sieger männlich sein. Das verbale Mann-Frau-Verhalten, rüde und schwanzgesteuert. Im Stillen drängte es mich aber vielmehr nach Kontakt mit dem Philosophen Nietzsche.

Du verstehst: In dem Maße wie in Staatsbürgerkunde dem siegreichen Marxismus-Leninismus gehuldigt wurde – wuchs meine Gier, den vorenthaltenen und geächteten Nietzsche original und zusammenhängend lesen zu wollen. Was und wie hatte Nietzsche geschrieben? Traf seine Philosophie auf Nährboden bei mir? War Nietzsche ideologisches Brot für die braune Herrenrasse? Dies heraus zu finden war intellektueller Kitzel außerhalb der obligaten Schulaufgaben. Ich packte den Zarathustra an. Doch - ich fand nichts und ich verstand nichts. Ich habe mich damals gescheut, Dir das zu sagen. Du hättest mich sicher überlegen angegrient und belehrt. Und ich dachte, ich sei zu dumm für den Nietzsche und habe mich mit seinen Zitaten aus der Affäre gezogen.

16:20 15.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

utrolle

Autor
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare