Hermanns Brief (2/4)

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Was geht in dem Büchlein vor sich? Also, der Zarathustra geht im Alter von etwa dreißig Jahren in die Einsiedelei um nachzudenken, seines Geistes genießen wollend. 10 Jahre lang pflegt er in den Bergen eine sonderbare mentale Selbstbefruchtung. 10 Jahre lang lauscht er auf Vogelstimmen und das Glucksen des Quellwassers. Dann glaubt er sich genügend angereichert und will von seiner aufgestauten intellektuellen Kopflastigkeit den Menschen etwas abgeben. „Ich bin meiner Weisheit überdrüssig…“, bekundet er der Sonne. Doch der Zarathustra steigt vom seinem Berg nicht etwa als Ökofreak herunter, ein neues Bewässerungssystem und anderes mehr im geistigen Gepäck. Nein, schlichtweg mahnt er die Menschen, sich zu überwinden. „…Seht, Ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch sei der Sinn der Erde…“. Der Mensch sei eine Brücke und kein Zweck, raunt er. Aber so richtig hört das Volk bei seinen Predigten nicht hin. Es trinkt lieber Bier, gafft zu den Jahrmarkts-Gauklern und relaxt für den nächsten Arbeitstag. Die in der Bergeinsamkeit sublimierten Weisheiten des Zarathustra sind dem Volk zu affig. Es sind fürwahr wunderliche, schwer verdauliche Früchte, die Zarathustra auftischt und das Hauptgericht dabei sei sich der Mensch selbst. Der soll sich gefälligst und unbedingt zu Höherem entwickeln, sich quasi selber überwinden: „…aber nur ein Possenreißer denkt: der Mensch kann auch übersprungen werden.“ War es ein Zufall, dass wenig später in unserem realen Leben tatsächlich Possenreißer auftraten, um sogar zu überholen ohne einzuholen? Was haben wir über diese Losung gelacht, aber heimlich. Wir waren nur kleine, biegsame Helden.

Also, nach all der übermenschlichen, unbegreifbaren Sinnsuche warf ich den Zarathustra in die Ecke. Mein vorsätzliches Selbststudium endete im Zorn. Mein anfänglicher Stolz auf den klamm heimlichen Besitz des Psycho-Opus Zarathustra wich der Enttäuschung. Eine alternative Lebenshaltung für mein eigenes Dasein konnte ich dem kryptischen Dunkel des Büchleins nicht entnehmen. Und einen philosophischen Code, dessen Entschlüsselung mich auf braunen Nährboden und Bücherverbrennung geführt hätte, entdeckte ich auch nicht. Der Hintersinn des Nietzschen Gewetters gegen Christentum und Moral öffnete sich mir kognitiv kaum einen Spalt breit. Mir fehlte die geistig-philosophische Substanz, um wenigstens etwas von der Nietzschen Polemik über Staat, Krieg, Gesellschaft, Kind, Frau, Ehe, Nächstenliebe zu begreifen. Die geistigen Botschaften verbargen sich mir hinter schwierigen allegorischen Steilwänden. Der psychologische Atem, der Modergeruch der in den vier Kapiteln ausnahmslos erbarmungswürdigen, gebrechlichen Gestalten aus der Gefolgsschar Zarathustras andererseits benebelten mich. Die Blumen in meinem Jugendzimmer schienen zu welken und meine irdisch-sozialistische Lebensfreude drohte in den verquasten Warnungen und dem leidvollen und verzweifelten Getue des Einsiedlers zu ersticken. Ich fühlte mich ohnmächtig, vom dunkelmächtigen Wortgedonner weich geklopft.

Wem sollte und konnte ich das damals mitteilen? Ich fürchtete ein Hohngelächter und das hätte meinen unsicheren Nachen stranden lassen. Nach Außen hin gab ich mich arrogant und tat so, als verspüre ich keine Lust, mit anderen über Nietzsche zu reden. Mit der Bärbel Thomas aus der zwölften Klasse hätte ich reden mögen, sie war eine Kluge, wenn auch als Mädchen eine schwere Kost. Und im Gespräch mit einem Mädchen meine Unterlegenheit ihr gegenüber in jedem Satz zu spüren, das konnte bei mir Naturburschen nicht angehen. Bärbel war eine Klasse über mir, im doppelten Wortsinne. Heute vermisse ich sie. Du erinnerst dich auch sehr gut an ihre spontane Art und ihre beißenden Episteln gegen alles Männliche.

Also, ich fiel durch beim Philosophen Nietzsche und überdies sagte ich mir: Mit dem Zarathustra ist nicht gut Kirschen essen. Dessendüstere Grundstimmung führt mich pfeilgerade in die Anstalt. Womöglich nehme ich mir noch eines Tages den Strick und hänge mich auf. Die seltsam schubweise auftretende Melancholie in meinem jungen 18-jährigen Geist-Körper, die Einsamkeitswünsche, der Narzissmus, hätten dies befördert und Guru Zarathustra hätte leichtes Spiel mit mir haben können. Ahnten die Hüter der sozialistischen Gesellschaft die paralysierende Wirkung des Nietzsche in einem anfälligen, unfertigen Jünglingsherzen? Entfernten sie solch Schrifttum dem bequemen Zugriff, so wie man ein verbotenes Spielzeug versteckt, um Schaden abzuwenden? Ich suche heute nicht mehr nach einer spekulativen Antwort. Damals zog ich die Bremse: Das Buch bekam einen hinteren Platz in meinem Bücherregal. Nach irgendeinem Wohnungswechsel blieb Zarathustra ganz verschwunden.

Lieber Freund. Du weißt von der magischen Wirkung bestimmter Bücher. Manche gehen einem nie aus dem Sinn, ja, sie verfolgen einen gleichsam, unaufdringlich, aber stets schattengleich. 40 Jahre nach dem Erstkontakt traf ich beim Wühlen im Bücher-Trödel erneut auf den Zarathustra. Dieses Mal eine deutsche Taschenbuchausgabe von 1956. Der Verfasser des Nachwortes zählte zu den intellektuellen Spitzenbefürwortern der Verbrennung ‚undeutscher Literatur’ auf dem Berliner Opernplatz 1933. Unseren Staatsbürgerkundelehrern von der EOS wollte ich nie recht glauben, wenn sie propagierten: In der Bundesrepublik Deutschland hätte nationalsozialistische Ideologie, hätten Nazis noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg Einfluss gehabt. Ich hielt das für vordergründige, billige Agitation. Es fehlte mir ein schlagender Beweis in eigenen Händen. Die Zeit hat uns inzwischen kräftig eines Besseren belehrt und neugeborene Nazis kommen täglich in die Öffentlichkeit. Aber nun hielt ich unbeabsichtigt einen solchen alten Beweis in den eigenen Händen. Das braune Thema ist also so oder so präsent und brutale Gegenwart. Und es macht Angst. Welche Gegenkräfte wirken eigentlich in unserer geeinten Republik?



17:24 17.06.2009
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Geschrieben von

utrolle

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