Hermanns Brief (3/4)

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Aber ich will Dir meinen Bericht doch zu Ende erzählen. Ich nahm mir also den Zarathustra ein zweites Mal vor und las ‚das Grundbuch der heroischen Humanität, (…) das Werk der absoluten Einsamkeit’ diesmal mühelos durch. Endlose pessimistische Sprüche. Worauf zielte Nietzsche, fragte ich mich. „Wer in Blut und Sprüchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden“ postuliert er. Einen Führungsanspruch könnte man das schon nennen.


Immerhin hatte Nietzsche, bevor er den Zarathustra 1883/84 schrieb, eine bemerkenswerte Karriere vorzuweisen. Er war bereits mit 25 Jahren zum ‚Juniorprofessor’ für Philologie an die Universität Basel berufen worden. Er blieb im Amt 10 Jahre lang (mit kriegerischen Unterbrechungen 1870), bis er sich vom Stress dieses Jobs befreite und mit 3000 Franken Pension fürderhin als Privatphilosoph in Erscheinung trat. „Lieber ein Narr sein auf eigene Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdünken!“ brüllte Zarathustra seine Bergluft an. Hatten die eigenen philosophischen Ansprüche und der Geisteskampf mit dem nihilistischen Zeitalter Nietzsche zu früh ausgesaugt, war er quasi ‚unterm Rad’? Burn out mit 45, geistkrank ab 1888, früher Tod 1900 mit 56 Jahren. Nietzsches Gesundheit war wohl nicht die Beste.

Für seinen Zarathustra schafft Nietzsche freies Schussfeld. Dazu wird Gott gleich zu Beginn der Buch-Handlung für tot erklärt. Die wichtigste Voraussetzung für den geistigen Ansatz des Zarathustra. Denn Gott ist bei Nietzsche christliche Moral und die ist gegen das Leben, die Verneinung, Verleumdung desselben, weil das Christentum auf das Leben nach dem Tod, also auf das so genannte ewige Leben orientiert. Der im Buch anwesende Papst bezeugt: Gott ist tot. Er starb weltmüde auf der Ofenbank. Erstickt am Mitleiden an den Menschen. So kann sich der Nietzsche-Zarathustra usurpatorisch dann selbst zum Gott erklären, zum„…unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit innewerden will, (…), Welten schaffend, …“ Vielleicht ist das die Grundidee des Werkes: eigene Welten schaffen, die alte vorher aber zerstören. Dies bedurfte jedoch der Erläuterung. Nietzsche, der „Grübler und Rätselfreund“, fand kein ihm adäquates Echo auf den Zarathustra, den ‚dionysischen Unhold’, und hat sein Werk selber in der Öffentlichkeit gewürdigt. Und da ihm keiner wohl so richtig kritisch ans Zeug ging damals, hat Nietzsche sich selbst auch noch als Sprachbeherrscher in eine Reihe mit Luther und Goethe gestellt. Nur, sage mir bitte, in welchem seiner Werke finde ich diese Sprachgewalt, die Vollendung der deutschen Sprache, wie man sie bei Johann Wolfgang liest? Einer hat noch zu Lebzeiten Nietzsches den Zarathustra in eine musikalische Kunst erhoben: Richard Strauss.

Im Zarathustra imponiert mir die gestalterische Methode. Pessimismus wird ausgestreut, die Kirche als lebensfremd gegeißelt, die Welt verflucht, die Menschen erniedrigt. „Pöbel-Mischmasch: darin ist alles in allem durcheinander, Heiliger und Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh.“

Und was setzt Zarathustra dem entgegen, wo ist sein unique selling point? Zarathustra selbst ist das Angebot, Zarathustra, der „... Allen am nöthigsten thut? Der Grosses befiehlt.“ Dazu muss sich der Geist zum Kind verwandeln, um Ja zu allem zu sagen.

Zarathustra braucht die Nachplapperer wie eben alle Gröfaze dieser Welt. Die Nachplapperer werden so erzogen, wie sie sich der große Befehlsgeber vorstellt: „Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken, eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, - Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz,…“ Also doch eine politisch besetzbare Dimension undein brauner Ansatz? Ich glaube, das war einmal. Nietzsche richtet nichts mehr aus. Und Sprüche wie: „Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr, als den langen…“ gehören schon lange ins martialische Kataster pseudo-patriotischer Dummköpfe. Konnte uns das damals auf der EOS niemand so aufbröseln? Das Kommunistische Manifest mussten wir doch auch durchackern.

18:34 19.06.2009
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Geschrieben von

utrolle

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