Hermanns Brief (4/4)

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Nun, während des erneuten Leseabenteuers, verkehrte sich mein in der Jugendzeit aufgebauter Respekt vor Erzählung und Aussagen des Zarathustra in komödiantische Empfindung. Wo ich als Jüngling das Handtuch warf, kam nun Schmunzeln auf. Abgesehen von den allegorisch-spannenden Erlebnissen des Zarathustra in der Vorrede erscheint mir ein Großteil des Textes der Teile 1 bis 4 als überschwänglicher und manierierter Wortbrei, grotesk und geradezu wirkungsarm. Deutlicher Unfug ist auch dabei:„...es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!“Oder: „Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und dies ist das Merkmal ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.“ Solchen Quatsch muss man erstmal hinkriegen.

Mancher Aphorismus, manche Inversion allerdings lässt Texteschreiber blass werden. „Wahrlich, besser noch bös gethan, als klein gedacht“oder: „… auf dem Markte überzeugt man mit Gebärden. Aber Gründe machen den Pöbel misstrauisch.“ Ein Füllhorn für die Harald Schmidts der Gegenwart. Der Mainstream im Büchlein scheint mir die variantenreich formulierte Sehnsucht eines Einsamen, eines Unerhörten und sein psychisches Desaster zu sein. „Oh Einsamkeit! Du meine HeimatEinsamkeit.“

Was ging im Nietzsche/Zarathustra vor? Strebte er letztlich doch nach Gesellschaft, auch nach der eines Weibes. Und hat diese ersehnte Gesellschaft einfach nicht zu Wege gebracht, weil er vielleicht im entscheidenden Moment Schweißfüße hatte, dieser intellektuelle Nörgler. Lebte der reale Nietzsche in der Welt seines Zarathustra, in der Fiktion der Einsiedler-Berglandschaft: Felsen, Wald, Ausblick aufs Meer. Für uns die Merkmale einer Idylle. Aus dem Tal hört man eine Turmuhr schlagen. Der Zarathustra-Nietzsche dort oben auf dem Berg, und nicht so weit weg vom dörflichen Treiben, denkt er vielleicht in seiner überheblichen Höhlenpraxis doch, wenn auch vergnatzt, an eine fröhliche Herrenrunde, an hübsche Mädels da unten, die er da oben nicht haben kann. Was mag dem älter werden Weisen da alles abgegangen sein. Die Tiere sprechen mit ihm. Es ist Märchen-Haft, Garten Eden ohne Hautkontakt. Alles ist ein wenig tragödisch.

Im Zarathustra-Buch kommt trotz der seitenlangen Beschwörungen letztlich kein Übermensch zustande. Das zu lesen wäre eigentlich die Crux gewesen. Lediglich ein paar armselige Figuren kreuzen seltsam auftauchend die Wanderwege des Predigers Zarathustra: Papst, Zauberer, Wahrsager, Bettler, hässlichster Mensch, zwei Könige. Fehlte eigentlich nur noch Tarzan. Aber der war literarisch noch nicht geboren. Allesamt werden plötzlich zu höheren Menschen umgewidmet. Dieser Vorgang bleibt jedoch wie durch ein Zaubertrick dem Leser verborgen. Als der Guru Zarathustra schließlich und endlich realisiert, dass sein so genannter höherer Mensch tatsächlich in seinem Revier ist und nach ihm notschreit, erfasst ihn doch das Grausen:„Was will der? Der höhere Mensch! Was will der hier?“ - und seine Haut bedeckte sich mit Schweiß.“

Was ist aber ein Guru, der die Fassung verliert, frage ich? Ein Scharlatan! Zarathustra speiste und trank mit den höheren Menschen in seiner engen Höhle und gab, wovon er selbst nicht viel hatte. „Da standen sie endlich still beieinander, lauter alte Leute, aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich, daß es ihnen auf Erden so wohl war;(...) Und von neuem dachte Zarathustra bei sich: »O wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren Menschen!«

Doch beim small talk mit den höheren Menschen wird dem Zarathustra aber bald der Groschen gefallen sein: Mit diesen höheren Menschen ist kein Staat zu machen. Also nichts wie weg bei passender Gelegenheit, muss Zarathustra geplant haben. Und dann wird das Ende der gesamten surrealistischen Story schließlich so banal, dass es schon wieder überrascht. Die Höhlengäste sind auf einmal doch nicht die höheren Menschen. Tiere sind’s, die sich um Zarathustra scharen: Löwe, Adler, Schlange, Tauben. Zarathustra beginnt seinen Kreuzzug in die Einsamkeit von vorn mit selbst suggeriertem Mantra, wie beim autogenen Training: ich werde was ich bin, ich werde was ich bin, ich bin mein Werk, ich bin mein Werk...

„Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.“ Das ‚glühend und stark’ entfuhr dem Philosophen Nietzsche vor etwa 125 Jahren. Das reicht für einen vorderen Platz im Bücherregal in Sangerhausen wie in Naumburg und anderswo. Also.

Wie ich Dich kenne, lieber Freund, hast Du nicht nur eine Zarathustra-Ausgabe unter Deinen Büchern. Vielleicht finden wir Gelegenheit, darin zu blättern und unseren Gedanken nachzugehen. Vielleicht bleibt Deine Antwort auch nicht so lange aus wie die meinige.

Ich grüße Dich herzlich aus diesem Frühjahr 2009.

Hermann

Damit schließt Hermann seine Antwort ab. Die Antwort wirkt fast wie eine lange schon fällige Entschuldigung. Wir wissen nicht, warum dieser Eindruck entsteht. Hermann jedenfalls strahlt eine gewisse Zufriedenheit aus, wie nach einem erledigten ordentlichen Stück Arbeit. Er hat das damals in der Jugendzeit begonnene Thema abgeschlossen, seine Gedanken endlich mitgeteilt. Er liest noch einmal den langen Antwort-Brief durch. Auf seiner Stirn lassen sich hin und wieder ein paar Fragezeichen ablesen. Hermann weiß, seine Antwort ist thematisch ein wenig antiquiert aber nicht zeitlich nach hinten gerichtet. Und nur er weiß, wer denn diese Antwort erhalten wird. Und was sind denn das für Leute, die Hermann beiläufig erwähnt? Sind nicht ihre Namen nur wenigen noch gegenwärtig, für die meisten ihr Bild inzwischen verblasst? Da haben wir sie also wieder, die Zeit, die die Veränderung macht, auch wenn sie hier am Schluss ‚inzwischen’ genannt wird.

15:17 21.06.2009
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Geschrieben von

utrolle

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