Hermanns Jogging

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Hermann betreibt Jogging 1,8 Mal pro Woche. Das hat er selber so festgelegt, aber es bleibt meistens bei 1,8. Es kommt Hermann nicht auf die Zehntel an, sondern auf seinen BMI. Und wenn er sich in der Garage wiegt, liegt der bei 25, so wie Hermanns immer noch konstante Variablen 175 und 77 und 63. Also zieht sich Hermann 1,8 Mal pro Woche die Laufschuhe an, bückt sich 1,8 Mal und bindet 3,6 Mal einen Doppelknoten. Das kann jetzt einer mal nachrechnen…

Auf jeden Fall sind die Schnürsenkel viel zu lang.

Eigentlich eine Senkelvergeudung. Aber griffig sind sie, elastisch und noch nie gerissen. Beim Bücken zum Schnürsenkel-Doppelknoten kommen Hermann schon die ersten Gedanken. Das liegt daran, dass die Gedanken bei Hermann eher nach unten fallen als nach oben. Aber wissenschaftlich weiß man es eigentlich nicht so genau, ob bei den Gedanken die Gravitation eine Rolle spielt oder doch mehr der Dunst. Jedenfalls, wenn Hermann unten ist, purzeln die Gedanken auf seine Schnürsenkel, die er dann verknotet, und dabei verstrickt sich Hermann in seine damalige Schulzeit in Sangerhausen. In der nämlich hätte er gern auch Laufschuhe besessen für den Hartplatz beim Sportlehrer Heinz Bloßfeldt. Hermann hätte für Laufschuhe einen Dreifachknoten gegeben. Aber Laufschuhe gab es für ihn erst mit siebzehn, als er in die Schuhgröße 42 hinein passte. Aber bei der Größe 42 gab es nicht etwa neue Laufschuhe, zum Beispiel solche aus dem Schaufenster vom Sport-HO an der Riestedter Straße, Ecke Sperlingsberg, sondern die schweißgegerbten, ledernen Laufschuhe des Vaters aus dem Sportverein von 1933 mit anderthalb Zentimeter langen Spikes. Im Kellerasyl waren die Jahre lang bombensicher gebunkert, konserviert, eingelegt im eigenen Saft. Sie rochen nach Wertarbeit.

Jetzt muss Hermann erst mal flink Luft holen, frische Luft. Er bleibt aber konsequent unten, dreht lediglich den Kopf seitwärts, von den Schuhen quasi weg, denn der Dunst, nicht doch, denn die nächsten Gedanken made in germany purzeln schon, umlagern ihn bereits, und der zweite Doppelknoten wartet ja auch noch. Und Hermann erinnert sich wieder, wie der Vater fluchte, weil seine Schnürsenkel, dünne, schwarze, zerfledderte Fäden, der eine wenigstens, an der Öse des Luckenwalder Sonntagsschuhwerkes riss. Vielleicht hatte der Vater ja ein bisschen und mit Absicht zu straff gezogen, das arme, mürbe, volkseigene Gewebe über alle Maßen belastet, weil er den Spaziergang durch den örtlichen Lehm mit seiner Frau nicht wollte. Jedenfalls war der Vater nicht bereit gewesen, den gerissenen Faden noch mal und provisorisch zu verknoten, warf seine Schuhe in die Ecke und verdarb allen Teilnehmern den gewünschten Spaziergang. Der Familienfrieden entfernte sich nach Riss und Faden durch die Haustür und die Eltern stolperten zerstritten in der Küche hin und her und um ihre Kinder herum. So und ähnlich verlief Hermanns Sozialisierung. Früher sagte man wohl Erziehung dazu. Seither hat Hermann so ein Ziehen im Bauch, wenn seine Frau sagt: „Komm, zieh Dir Schuhe an, wir gehen mal spazieren.“ Und dann guckt Hermann schnell nach, und zieht, ob seine Schnürsenkel noch halten, bevor er mit Ja antwortet, weil er manchmal auch was in die Ecke wirft.

Aber nun ist es des Bückens genug und Hermann kommt langsam hoch, damit nicht noch mehr Gedanken nach unten fallen. So etwa muss man sich die Entwicklung vom Niederen zum Höheren bei Hermann vorstellen. Außerdem ist jetzt der Stoffwechsel dran. Hermann wechselt sein Baumwollhemd mit dem atmungsaktiv veredelten, funktionell-elastischen Dry-Mesh-Rücken-Einsatz-Kunststoff-Trikot. In diesem Stoff beginnt das Stretching. Hermann wiegt sich in der Hüfte, dreht den Hals wie eine Gans und reckt sich in die Höh’. Dann macht einen Ausfallschritt, schiebt das Bein nach vorn und - schon fallen die nächsten Gedanken über ihn her und pieksen ihm munter in sein Knie.

Eigentlich ist Hermann von der Figur her kein Läufertyp, eher ein bisschen der Müller-Typ, so mit kürzeren Beinen. Im Sportunterricht, früher, versuchte er, die endlos langen Strecken abzukürzen, ihnen zu entlaufen. Langlauf im Friesen-Stadion war eine Seiten stechende Qual und er konnte an der Sache überhaupt keine lebenswichtige Seite ablesen, über 3000 Laufmeter sich abzuplagen, nur weil der blonde Sportlehrer Arno Kirchner eine Zensur in die Seite des Klassenbuches eintragen wollte, und hinterher war man dann für den Rest des Tages platt. Dass Hermann außerdem bis Bade-Samstag nach Schweiß roch, hat man ihm damals verheimlicht. Hermann ist ganz rot im Gesicht, wenn er für die Jogging-Kilometer heutzutage ohne Stechen ganze 40 Minuten braucht. Solange verbraucht Hermann sich sonst an einer mittleren Cohiba. Von denen hat Hermann noch eine dunkle Kiste, und muss sich immer entscheiden. Manchmal ist es auch schon dunkel, bis sich Hermann zum Joggen entschieden hat. Darauf ist er vorbereitet. Er hat eine Taschenlampe parat, mal in der linken, mal in der rechten Hand. Halb springt er hin, halb stolpert er damit über Wege und Wurzeln des Stadtwaldes. Falls die Lampe kaputt geht, also ihr die Lichtpuste ausgeht, hat Hermann vorsorglich auch ein Kopfband angeschafft mit zwei Akkus und einem kleinen Scheinwerferchen. Aber das Lichtlein bewährt sich nicht recht. Es verrutscht auf seiner schweißigen Stirn und ist wohl mehr gedacht für Höhlenforscher oder Gynäkologen. Und die Nacktschnecken kann Hermann damit auf den regennassen Wegen auch nicht richtig erkennen. Und in Frühjahr oder Herbst sind auf den Wegen die Schwanzlosen mit dem Lichtlein kaum auszumachen. Diese Lurche verharren reglos, aber sobald Hermann heran naht, machen sie sich groß und er muss über sie hinweg springen. Das sieht wohl lustig aus. Neulich brachen zwei glühende Augen aus dem Unterholz direkt auf Hermann zu und wollten wohl mit springen. Hermann machte ein wenig erschrocken Platz auf seiner Bahn, doch die glühenden Augen müssen Hermann mit irgendetwas verwechselt haben. Jedenfalls sprang das glühende Augenpaar plötzlich vor Hermann in die Höhe und machte sich schnurstracks wieder davon. Darüber war Hermann fast beleidigt. Als er endlich zu Hause anlangte mit seiner Leuchte am Kopf, sagte seine Frau: „Du siehst ja aus wie das Einhorn. Vor Dir nimmt ja alles Reißaus.“ Seitdem hängt sich Hermann zum Joggen ein Glöckchen um den Hals.

18:52 27.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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