Hermanns lustige Reise - Eine Glosse

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Hermanns Reisetätigkeit ist die zwischen Wohnort und Baumarkt, und freitags zum Kaufmarkt. Wir berichteten darüber, würde jetzt die Zeitung schreiben. Die Globalisierung aber fordert mehr Flexibilität. Also fährt Hermann mit durchschnittlich 63 durch Deutschland. Er fährt mit der Bahn seiner Tochter hinterher. Die hat sich vor ein paar Wochen flexibel in die Ferne verabschiedet. Ferne ist für Hermann eigentlich der Osten, dalnui wostok. Das brachte man ihm bildungsmäßig vor der Globalisierung in der fünften Klasse bei. Das war Osten. Heute ist für einen aus dem Osten die Ferne eigentlich der Westen. Dort hat eine wie Hermanns Tochter flexible Arbeit gefunden. Und in einem Zuge kommt nun der andere Teil ihrer Arbeit hinterher, das flexible Enkelsöhnchen, an der Hand von Hermann.

„Da machst du mal was Vernünftiges“, sagt seine Frau vorher, „kannst ja hinterher einen Reisebericht schreiben.“ Hermann nimmt das ernst. Familiensinn hat doch sein Gutes, im Osten also auch im Westen. Man ist gesellig, wie man kann. Hermann hat gut gepackt und buckelt mit seinem Enkel und dessen Spielzeug zum Bahnhof. Das Laufrad ist auch mit von der Partie. Ein paar Tage vor seiner Enkelreise hatte sich Hermann die Partie am Hauptbahnhof schon mal vorsichtshalber angeguckt, wegen der Größe und der Glitzergeschäfte. Und dass er den Bahnsteig besser findet, falls, angenommen, die Zeit knapp werden sollte, weil der Enkel kurz vor Antritt noch mal auf den Abtritt muss. Abtreten muss man besser zu Hause. Auf dem Hauptbahnhof geht man besser nicht abtreten, das heißt, man könnte schon, wenn man dort den halben Tag lang in der Schlange wartet, um auf eine warme Brille zu gelangen. Da hat man dann vorher schon die Nase voll, beziehungsweise die Hose und hinterher den verkehrten Zug. Den Enkel schert das kaum. Er baut auf Hermann. Und Hermann baut auf einen trockenen Enkel. Beide bauen auf den Intercity von Berlin nach Bonn, von der einen alten Hauptstadt in die andere alte Hauptstadt. Der Unterschied beträgt sieben Stunden. Da ist einer längst bequem über den großen Teich geflogen und setzt schon in JFK auf. Im alten Zug kann Hermann gerade noch überfüllt sitzen und Deutschland durch zwei Scheiben vorbei dösen sehen. Und heiß ist es in dem Abteil, und voll mit schwitzenden Leuten, und durchs geöffnete Fenster dringt Fahrtlärm ein. Das erinnert Hermann, wie sollte es auch anders sein, an die Bahn seiner Studentenzeit, so in den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Auch damals waren die deutschen Züge angespannt und voller mürrischer Leute und Raucher in den Abteils und die Gänge voller Koffer. Heute sind die Gänge voller Säcke. Und es geht manchmal ein Ruck durch den Zug, wenn der anfährt, auch wie früher. Und es gibt auch einen Lautsprecher an Bord, der war früher nicht. Und den versteht der Enkel auch nicht, weder in deutsch noch in englisch, auch wenn der Lautsprecher abliest. Da muss Hermann ein wenig nachhelfen und erklären, dass wegen einer technischen Störung der Zug in Magdeburg langsamer fährt und die Anschlüsse weg sind, auch wie früher, und es keine Flaschen im Zug gibt, weil der Service ausgefallen ist. Der Enkel guckt schnell auf die Schienen und sucht den ausgefallenen Service. Der befragte Fahrkartenkontrolleur kann nicht suchen helfen, oder will nicht und zuckt mit den Schultern. Vielleicht hat er ja nur eine Drittelstelle bekommen. In Hannover ist es schon sehr, sehr warm in dem Abteil. Da kann der Enkel endlich in Badehose zwischen Sitz und Gepäckablage hängen. Die Mitreisenden und Mitreisendinninnen werden fahl im Gesicht. Ab und zu nimmt der Enkel einen Schluck aus seiner Trinkflasche. Hermann hat sie gefüllt mit Tee, eine Erfahrung auch aus dem letzten Jahrhundert. Immer hat Hermann Tee anbei und Stulle und Apfel. Selbst ist der beste Brotbeutel. Der Enkel schmatzt. Hermanns älterer Platznachbar röchelt. Diabetes, denkt sich Hermann. Und dazu das Getränk vergessen, schon seit heute Nacht ab Rostock. Mellitus vergällitus. Und es gibt kein Halten mehr bis zum Ruhrgebiet. „Ist das ein Bahnhof?“, fragt der Enkel in das Abteil und knutscht an der Scheibe. Ja, das ist ein deutscher Bahnhof antwortet Hermann und registriert: Vorn Prellböcke, Unkraut, Buschwerk, leere Gleise, hinten dasselbe. Rückzugsgebiete für Hasen, Nestflüchter und Zigarettenstangen ohne Banderole.

In Hamm wird der Mellitus erlöst. Die anderen atmen in Dortmund auf. Ein letztes Mal hören sie den Enkel rufen: „Da ist ein Mäckedo!“ Dann wird es still im Abteil. Hermann und Enkel allein im Zug.

Im Ruhrgebiet scheint die Sonne irgendwie anders, bemerkt Hermann, mal durch das linke, mal durch das rechte Fenster. Dem Hermann kommt das nicht geheuer vor, wo es doch schon Nachmittag ist. Es sollte doch südwärts gehen. Aber die Bahn fährt weiter einen Zick-Zack, mal von Ost nach West, mal von West nach Ost?

Da plötzlich wird der Hermann von der Sonne abgelenkt. In Essen kommt ein Kerl ins Abteil herein, hält eine Aktentasche auf den Knien. Typ Trenchcoat aus der Sesamstraße… Psst, hey Mann, ich hab da was, aber psst… Vor Oberhausen ist der Typ wieder raus, rein kommt der Fahrkartenkontrolleur, hinter Oberhausen ist der Typ Trenchcoat wieder da. Vor Duisburg ist der Typ wieder raus, rein kommt der Kontrolleur und wieder raus, hinter Duisburg Typ wieder rein. Vor Düsseldorf Trenchcoat raus , Kontrolle rein und raus, hinter Düsseldorf Trenchcoat rein. Leverkusen Trenchcoat raus, Kontrolle hinterher, Trenchcoat flüchtig. Das Tempo wird gehalten bis Köln. Dort krümmt sich der Zug und kommt im Bahnhof gerade so zum Stehen. Danach wird die Landschaft hübsch und in Bonn öffnen sich für Hermann und den Enkel die Türen. Sie steigen aus.

Der Enkel schreit nach der winkenden Mama, Hermann schaut sich nachdenklich um. Von hier aus wurde also die deutsche Einheit dirigiert. Lächerlich. Wäre Bonn im Osten, hätte man den Bahnhof längst entkernt und die Strecke zu Durchfahrt freigegeben. Jetzt versteht es Hermann, warum einer nach Berlin will und ein anderer weniger. Das ist dem Enkel egal, er muss mal. Wo zum Teufel ist auf dem Bahnhof von Bonn eine Toilette? Das dauert mit dem vielen Gepäck. Inzwischen wäre man auf dem Berliner Hauptbahnhof auch dran gewesen. Der Enkel muss durchhalten bis zum löchrigen Parkplatz. Hinter Mamas Auto kann er endlich flexibel müssen. So global ist das Reisen, denkt Hermann, wie vor fünfzig Jahren.

10:31 30.05.2009
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Geschrieben von

utrolle

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