Vielschichtiges digitales Gedenken

Erinnerungskultur: Über ein künstlerisches Erinnerungsprojekt am Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2015
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Der Europäische Tag der jüdischen Kultur wird bereits seit 1999 jährlich begangen. Gestern, am 6. September fand er in zahlreichen europäischen Ländern und Städten zum 16. Mal statt. Das diesjährige Motto lautete „Brücken“. Kein besonders originelles, jedoch ein positives Motto, das funktioniert; sprachlich, politisch, kulturell, für alle Bildungsschichten und (fast) jedes Alter, ein pragmatisches Motto eben.

Irgendwo im Jüdischen Gemeindezentrum am Münchner Jakobsplatz war ein Satz des New Yorker Rabbi Marshall Meyer zu finden: „Heute müsst ihr entscheiden, welches andere Gestern ihr morgen wollt!“ Dieser Satz war die eigentliche Aussage, die das Motto „Brücken“ auf eine entsprechende Ebene hob. Die Entscheidung, welches andere Gestern man künftig haben will, ist ein geistiges Bindeglied. Wie eine Brücke zwischen der heutigen digitalen Welt und dem analogen Erinnern, das seinerseits wiederum oftmals mittels digitaler Mittel erfolgt.

Ein Satz, der gewissermaßen zwischen den Welten schwebt, wie ein Projekt der digitalen Erinnerungskultur, das der Autor dieser Zeilen neben zahlreichen anderen Gedenkprojekten seit einiger Zeit virtuell besucht und beobachtet:

Memory Gaps – Erinnerungslücken“ heißt die Kunst-Aktion des Gedenkens der Malerin Konstanze Sailer. Es ist dies ein digitales Erinnerungsprojekt, das in der analogen Welt beginnt, aus physisch realen, hergestellten Kunstwerken besteht, und das seine digitalen Fühler der Erinnerung in die analoge Welt ausstreckt. Das Konzept ist vielschichtig und verwebt künstlerische Positionen mit jenen der kulturellen und der politischen Erinnerung. Gleichzeitig mahnt es im Heute zur Wahrheit und Präzision des Gedenkens, zur Vollständigkeit der Erinnerung. Ein virtueller, digitaler Brückenbau; genau dazu passt der Satz des New Yorker Rabbi.

Das Konzept von „Memory Gaps – Erinnerungslücken“ wie es sich für den Betrachter darstellt:

Die Ebene der Kunst: Monatlich werden – die Kunstaktion ist auf mehrere Jahre angelegt – Ausstellungen von Werken der Malerin Konstanze Sailer, ausschließlich Tusche auf Papier, in virtuellen Räumen gezeigt. D. h., die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen Münchens und anderer Städte wie etwa Wien, die es in der analogen Welt nicht gibt, die es aber geben sollte: Straßen mit Namen von Opfern der NS-Diktatur.

Die Ebene der Realpolitik: Zusätzlich zu den Monat für Monat vorgeschlagenen Straßennamen, die nach Opfern benannt sind und in denen sich die virtuellen Galerien befinden, werden auch Umbenennungen von bestehenden Straßen angeregt: Von solchen, die in unseren Städten heute noch Namen von Personen tragen, die im Naheverhältnis zum Nationalsozialismus standen. Das betrifft München ebenso wie Wien und viele andere Städte. Da das Kunstprojekt Memory Gaps mehrere Jahre laufen soll, ist davon auszugehen, dass Deutschland und Österreich nach wie vor voll von jenen Straßennamen sind, die im Sinne des Rabbi nicht jenes Gestern repräsentieren, dass wir morgen noch wollen.

Die Ebene der Erinnerung: Monat für Monat schließt das digitale Erinnerungsprojekt Memory Gaps eine Erinnerungslücke. Monat für Monat wird einer anderen Opfergruppe der NS-Diktatur gedacht. Keine Opfergruppe wird vernachlässigt. Damit wird nicht nur das kollektive Gedächtnis erweitert, sondern auch daran erinnert, dass es nach wie vor riesige Erinnerungslücken im Erinnern selbst gibt. Methodische Schwachstellen, trotz zum Teil bereits geradezu kommerzialisierter Erinnerungsprojekte, die landauf landab im Gange sind.

Memory Gaps zeigen eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier aus zehn Jahren. Sie stellen Schreie und Aufschreie von Opfern dar. Zum schmerzerfüllten Aufschrei geöffnete Münder und Kiefer. Abstrakte Darstellungen von Schreien in Ghettos, Konzentrationslagern und NS-Tötungsanstalten – gemalte Erinnerungskultur, wie der Website www.memorygaps.de zu entnehmen ist. Seit drei Jahrzehnten arbeitet die aus Heidelberg stammende und in Wien lebende Künstlerin zu den Themen Antlitz, Schädel und Tod. „Die Aufschreie und Schreie von damals bleiben in unser Gedächtnis eingraviert. Die Tuschen sind jeweils farblichen »Winkeln« zugeordnet, den entmenschlichenden Kategorisierungen in den Konzentrationslagern.“, so Konstanze Sailer.

Das Motto des diesjährigen Europäischen Tages der jüdischen Kultur lautete „Brücken“. Das Opfer, dessen die Septemberausstellung von Memory Gaps in München gedenkt, war Henriette Rothkirch. Sie wurde 1900 in München geboren, 1939 in Wien verhaftet, in das Konzentrationslager Lichtenburg und wenige Monate später in das KZ Ravensbrück deportiert. Die Haftgründe der NS-Schergen lauteten „Jüdin“ und „politischer Widerstand“. Henriette Rothkirch wurde von Ravensbrück in die NS-Tötungsanstalt Bernburg an der Saale gebracht und dort von sogenannten NS-Tötungsärzten 1942 ermordet. Die virtuelle Galerie hat daher die virtuelle Adresse Rothkirchstraße 42, die Hausnummer verweist auf das Todesjahr von Henriette Rothkirch.

Bis zum heutigen Tag existiert in München keine Straße, die ihren Namen trägt. Daran erinnert Memory Gaps.

Die Kunstaktion erinnert ferner daran, dass nach Friedrich Hilble heute noch eine Straße im Stadtbezirk Neuhausen-Nymphenburg benannt ist. Hilble war einer von vermutlich Tausenden „äußerst pflichtgetreuen“ städtischen Beamten in München, der sich mutmaßlich in den 1930er-Jahren durch „uneingeschränkte Loyalität“ zum NS-Regime „höchst verdient“ gemacht hatte. Memory Gaps – Erinnerungslücken regt daher an, anstelle von Friedrich Hilble künftig in Neuhausen-Nymphenburg an Henriette Rothkirch zu erinnern. Ein Blick auf die Straßenkarte Münchens zeigt, dass die Hilblestraße direkt auf die Dachauer Straße stößt! Ist das ein Zufall, verkehrsplanerisches Versehen, oder nur eine verwaltungstechnische Geschmacklosigkeit, weil „eh so viel egal“ ist? Wie kann man sich denn im Jahre 2015 an der Ecke Hilble- und Dachauer Straße verabreden? Das kann kein Treffpunkt sein. Solche Straßen dürfen einander nicht berühren, denn solche Berührungspunkte werden niemals zu Brücken. Erst wenn eine Hilblestraße zu einer Rothkirchstraße wird, entsteht so etwas wie eine Überbrückung. Erst dann ist „entschieden, welches andere Gestern wir morgen wollen!

http://www.memorygaps.eu/gap-september-2015/

02:43 07.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Uwe Frank

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